Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Zoran Ferić: Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr

In Worte gefasste Sentimentalität
In manchen Augenblicken trifft einen eine wichtige Erkenntnis. Zum Beispiel, dass man alt ist. Was tut man in so einem Moment? Tihomir beschließt in logischer Konsequenz, in die eigene Vergangenheit zu reisen: Er animiert seine ehemaligen Klassenkollegen dazu, die Maturareise von 1961 auf einem Schiff zu wiederholen. „Damals waren wir neunzehn, jetzt waren wir achtundsechzig“: Ein ganzes Leben haben die früheren Freunde ohne einander verbracht, aber ihre gemeinsamen Erinnerungen verbinden sie bis heute. Mit von der Partie ist Senka, die Tihomir einst über die Maßen liebte: „Eines Nachts, als es sehr heiß war, träumte ich, dass es Senke nicht gäbe. Dass sie nicht einmal geboren wäre. Die Verzweiflung, die ich in diesen wenigen Sekunden des Traumes empfand, zeugte davon, in welchem Ausmaß ich mich an sie gebunden hatte.“ Viele Jahre haben sie sich nicht gesehen, und vieles ist ungeklärt zwischen ihnen. Ihre gemeinsame Geschichte ist geprägt von Sex, Missverständnissen, Gewalt und Traurigkeit. „Sie hält mich fest umarmt, und mir war sofort klar, dass ich sie auch heute noch lieben könnte, obwohl die damaligen Argumente längst ihren Glanz verloren hatten.“ Während dieser besonderen Reise, auf der die Alten trinken, feiern, sich unterhalten und streiten, erzählt Tihomir in Rückblenden von seinem Leben – von seiner Kindheit und den wilden Streichen mit seinen zwei besten Freunden, von den Lebensumständen im Zagreb der 1950er-Jahre im Umkreis der „Sohnwitwen“, die ihre Söhne bei Partisanenkämpfen verloren hatten, von seinem Studium und der Arbeit als Gynäkologe und von der intensiven, zerstörerischen Beziehung zu Senka.

Auf 537 Seiten umfasst der kroatische Autor Zoran Ferić ein ganzes Leben und betrachtet es durch den wehmütigen Filter des Alters. Dabei porträtiert er nicht nur einige Figuren – allen voran den Protagonisten Tihomir –, sondern auch eine versunkene Zeit, die Zeit des Kommunismus in Kroatien, wobei Politik und Gesellschaft eher einen stimmigen Rahmen für die eigentliche Geschichte bilden, statt im Fokus zu stehen. Dort liegt vielmehr ein Leben auf dem beleuchteten Seziertisch, ein Leben, das seinem Ende zugeht und das der Autor mir Stadium für Stadium zeigt: Kindheit, Jugend, erste Liebe, erster Rausch, absolute Verlorenheit und einträchtige Harmonie, Affären, Verlust, eine Ehe, Kinder. Reich ist dieses Leben, reich an kuriosen Begebenheiten und erinnernswerten Ereignissen. Ich darf mit Tahomir tief in seine Vergangenheit eintauchen, ich lerne ihn als Jungen kennen und verfolge seine Entwicklung zum Mann, der er am Ende seiner Reise, an Deck des altersschwachen Kahns, ist. Dies ist der Ausgangspunkt, diese überaus sentimentale Reise, und da das Buch von dieser rückblickenden, bewertenden, abwägenden Warte aus erzählt wird, schwingt ein sehr abgeklärter, aber auch sehr sehnsüchtiger Klang mit. Sehnsucht hat Tihomir nach jenen Jahren, in denen er noch nicht alt war, in denen er noch Überraschungen erlebte, in denen es ihm das Herz zerriss vor Liebeskummer. Denn seine Liebe zu Senka war voller Eifersucht und Handgreiflichkeiten, voller wildem Sex – sogar in einer Dreiecksbeziehung – und großen Versprechen, die allesamt gebrochen wurden.

Bei aller Sentimentalität verblüfft Zoran Ferić mich mit seinem rauen Matter-of-fact-Ton. Er legt den Finger in jede einzelne Wunde seines Romanhelden und hat keinen Moment lang Mitleid mit ihm. Das muss er auch nicht, und es macht die Geschichte, die er vor mir entblättert, realistisch und interessant. Insgesamt faszinieren mich die Rückblenden wesentlich mehr als die Kapitel über die Schiffsreise, die mir eher drögen Dialogen und zwar schwarfsinnigen, aber auch überflüssigen Beobachtungen über die vielen teilnehmenden Nebenfiguren aufwarten. Es ist, als säße ich neben all den schnatternden Alten in der Schiffsbar, hätte aber die Ohren auf Durchzug geschaltet und würde nur ab und zu nicken und zustimmend „Hm“ brummen. Die Berichte aus Tahomirs Leben sind schillernder, dynamischer und zum Teil – da der Sex im Buch sehr stark im Mittelpunkt steht – fast schon prickelnd, wäre nicht stets eine Prise Verzweiflung gegeben. Viele metaphorische Sinnbilder durchziehen dieses Buch, das Land, das Schiff, die Menschen selbst haben an Glanz verloren, sie standen einst für das sozialistische Jugoslawien sie waren dessen Elite, heute blicken sie zurück auf den Zerfall. Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr ist ein groß angelegter, farbenprächtiger, melancholischer, morbider und sarkastischer Roman. Eine hervorragende Leistung!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sensationell tolles Cover und ein sagenhaft genialer Titel!
… fürs Hirn: besonders an Jahrestagen und Jubiläen fragen wir uns: Was hab ich gemacht bisher? Was hab ich erreicht im Leben, welche Fehler hab ich gemacht? Was gibt es zu bereuen – und wann war ich glücklich?
… fürs Herz: Wehmut, sehr viel Wehmut.
… fürs Gedächtnis: „Die Menschen denken für gewöhnlich, dass das Leben eines Mannes, dem sich das Glück in derart kleinen Portionen schenkt, verfehlt ist. Die eigene Unerstättlichkeit verlangt von uns etwas Dauerndes und lange Währendes. Zeit und Intensität standen hier umgekehrt proportional zueinander. Je seltener diese Augenblicke waren und je kürzer sie dauerten, desto größer war ihre Intensität und desto stärker blieben sie im Gedächtnis bewahrt.“

Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr von Zoran Ferić ist erschienen im Folio Verlag (ISBN 978-3-85256-609-2, 538 Seiten, 24,99 Euro).

0 Comments

  1. Das Buch liegt schon bereit, mara hat es mir überlassen. Die Sprache bzw. die Übersetzung hast du – im Gegensatz zu ihr – nicht als holprig empfunden? Dass du so angetan bist von dem Roman, hat mich jedenfalls ein Stück mehr überzeugt, ihn bald in die Hand zu nehmen. Merci.

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  2. Mariki Author

    Doch, ich muss zugeben, dass ich auch über einige Holprigkeiten gestolpert bin und dass der Roman nicht immer flüssig zu lesen ist. Ich hab auch für meine Verhältnisse recht lang dafür gebraucht. Aber insgesamt waren die sprachlichen Unfeinheiten für mich zu verschmerzen …

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  3. Ich habe dann scheinbar die sprachlichen Ungenauigkeiten als viel gravierender empfunden, als du – das finde ich spannend. Die Geschichte hatte viele Bestandteile, die ich interessant fand, doch hat die Lektüre einfach darunter gelitten, dass es sprachlich unheimlich holprig und unrund zu lesen war …

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    1. Mariki Author

      Hm. Ich verstehe durchaus, was du meinst, und es wundert mich selbst, dass ich nicht so darunter gelitten habe wie du. Ich fand dafür die langatmigen Stellen schlimmer und die Kapitel über die Schiffsreise recht langweilig. Aber das Buch hat mich insgesamt sehr aufgewühlt, vor allem auch wegen der Sexszenen, und der Autor kann ja nichts für die mangelhafte Übersetzung …

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  4. Sprache ist etwas, was mir beim Lesen eines Buches einfach sehr wichtig ist. Eine ähnliche Diskussion ist auf meinem Blog mal im Rahmen meiner Besprechung von „Die Tigerfrau“ aufgekommen: der Inhalt eines Buches kann noch so gut sein, ausschlaggebend ist für mich einfach, ob es mich sprachlich packt. Natürlich kann der Autor nichts für eine mangelhafte Übersetzung, dass habe ich aber auch nicht behauptet. 😉

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    1. Mariki Author

      Deinen ersten Satz übernehme ich eins zu eins. Die sprachlichen Unfeinheiten sind auch der Grund, warum ich nicht 5 Punkte gegeben habe. Aber ich finde, dass der Großteil auch sprachlich sehr gut war! Caterina wird es nun sicher ganz kritisch und aufmerksam lesen – bin gespannt.

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      1. Ich sehe schon: Eine große Verantwortung lastet auf mir. Ich werde kritisch und aufmerksam werde ich lesen, jawoll, und auch das Original hinzuziehen, um es mit der Übersetzung zu vergleichen ;). Dass ich noch dieses Jahr dazu komme, kann ich allerdings nicht versprechen.

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