Gut und sättigend: 3 Sterne

Francine Prose: Lügen auf Albanisch

Fettnäpfchen-Diving mit Anlauf
Manchmal kann aus einem winzigen Gefallen eine große Sache werden. Diese Erfahrung macht die junge Lula, die aus Albanien nach Amerika gekommen ist und bei Mister Stanley als Kindermädchen arbeitet – ein recht überflüssiger Job, denn Sohn Zeke ist schon 16 Jahre alt. Als Lula überraschend Besuch von ihr unbekannten Landsmännern bekommt – darunter der attraktive Rotschopf Alvo –, ist ihr gleich klar, dass diese sie mit ihrer Bitte in Schwierigkeiten bringen werden: „Winziger Gefallen konnte bedeuten, nach Dubai und zurück zu fliegen, beide Strecken Holzklasse, mit Dutzenden Kondomen voller Heroin im Arsch.“ Ganz so schlimm ist es nicht, aber trotzdem gefährlich: Lula soll eine Waffe verstecken. Obwohl sie ahnt, dass damit ein Verbrechen verübt wurde, tut sie es. Sie trifft sich außerdem mit Alvo, der ihr Avancen macht, und riskiert dadurch ihre Aufenthaltsbewilligung in den USA, an der ihr Anwalt fleißig bastelt. Um asylbedürftig zu wirken, erfindet Lula alle möglichen Geschichten über ihre Heimat. Und ahnt nicht, dass sie in den USA tatsächlich in Gefahr ist …

Lügen auf Albanisch ist ein kurzweiliger Roman über eine Protagonistin, die ebenso naiv wie sympathisch ist und von einem Fettnäpfchen zum anderen springt. Das Setting ist bekannt: Ein Mädchen kommt aus einem wirtschaftlich eher benachteiligten Land – mit Vorliebe aus dem Osten – nach Amerika, um wahlweise als Nanny zu arbeiten und/oder einen reichen Mann zum Heiraten zu finden. Im Fokus stehen dabei die kulturellen Unterschiede, die humorvoll geschildert werden. An diesen Masterplan hat sich Francine Prost gehalten. Ihre Romanheldin Lula wundert sich auf amüsante Weise über die amerikanischen Gepflogenheiten, vergleicht sie mit denen der Albaner und entlockt mir manches Schmunzeln mit Sätzen wie: „Albanische Adlereltern schubsten ihre Jungen aus dem Nest, sobald sie flügge waren, aber das taten sie vielleicht auch nur, um sicherzugehen, dass sie nach der Scheidung zurückkehrten.“

Nicht ganz feingeschliffen sind in meinen Augen die Dialoge, die pfiffiger hätten ausfallen können. Ziemlich originell ist dafür die Besetzung des Buchs: ein schweigsamer, an Liebeskummer laborierender, völlig ahnungsloser Mister Stanley, sein pubertierender Sohn Zeke, dessen abwesende und komplett durchgeknallte Mutter, ein albanischer Kleinkrimineller mit roten Haaren, seine dumpfbackigen Komplizen, eine verruchte Freundin und schließlich die hübsche, unbedarfte, tollpatschige Protagonistin. Da Lula meistens ihre gesamte Zeit allein im Haus ihres Arbeitgebers verbringt, kommt die Handlung nicht recht vom Fleck, weil einfach viel zu wenig passiert. Mit einem actionreichen Ende kann Francine Prost dieses Manko allerdings wieder einigermaßen ausbügeln. Ein wenig vermisst habe ich die ironische Schärfe, die in Romanen dieser Art oft üblich ist – wie etwa in Anya Ulinichs Petropolis – und die der Autorin trotz nachvollziehbarer Versuche nicht ganz gelungen ist. Spaß macht ihr Buch mit seinem bunt gemischten Haufen an schrägen Gestalten aber allemal, und das ist in diesem Fall die Hauptsache.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
carl’s books hat offenbar ein paar Covergestaltungstalente (man denke an den Hundertjährigen, der aus dem Fenster …)!
… fürs Hirn: hinter dem lustigen Schein auch allerlei Ernstes über Immigration, Verständigungsprobleme und Einsamkeit.
… fürs Herz: in Sachen Lovestory geht das Herz mit diesem Buch eher leer aus.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat, das die Verrücktheit des Romans auf den Punkt bringt: „Niemand ist sicher“, sagte Zeke, „wir haben Vollmond.“

Lügen auf Albanisch von Francine Prose ist erschienen bei carl’s books (ISBN 978-3-570-58511-5, 320 Seiten, 14,99 Euro).

Kommentar verfassen