Für Gourmets: 5 Sterne

Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück“
Liebe Zsuzsa Bánk,
ich habe dein Buch Die hellen Tage in meinem Regal gehütet wie eine Schatzkiste mit dem letzten Sonnenstrahl des Sommers. Ich wusste, dass es leuchten würde, dieses Buch, weil du mir schon mit Der Schwimmer leuchtende Stunden bereitet hast, und seine Gegenwart hat mich beruhigt. Erst als es nötig war, weil es fast schon dunkel war und ein bisschen kalt, habe ich dein Buch in die Hand genommen, um mich vom letzten Sonnenstrahl wärmen zu lassen. Dann hast du mir die Tür aufgestoßen in meine Kindheit, und ich bin eingetaucht in die Erinnerung und in das Gefühl, wie es war, damals, als die Welt groß war und ich klein und alles möglich. Ich habe mich an die Seite von Aja, Seri und Karl gesellt, ich bin mit ihnen über die Wiesen gestreift und hinunter zum See geradelt, ich habe Évi kennengelernt und den Duft ihrer Kuchen geatmet, habe Zigis Kunststücke bestaunt und den Sommerwind in meinem Haar gespürt, das damals kurz war. Ich habe in deinem Buch das Flüstern der Geheimnisse gehört, die auf den Schultern der Mütter liegen, ich habe das Klimpern von Évis Armreifen gehört und das Klappern von Ajas Zähnen im Winter, wenn es zu kalt war in ihrem windschiefen Haus, das Zigi gebaut hatte. Ich habe mich zuhause gefühlt in Kirchblüt, obwohl der Ort meiner Kindheit anders hieß, ich bin zurückgekehrt in dieses Paradies, das ich damals vor der Tür hatte und das aus einem Wald, Wiesen, einem Bach, meinen Brüdern und meiner Nachbarin bestand, sie, die nur 90 Schritte entfernt von mir wohnte und für mich war wie Aja für Seri und die ich immer noch bei mir habe an meiner Seite, nach all den Jahren. Wir waren Draußenkinder, wir waren wild und frei und unbezähmbar und wir wollten nichts wissen von Verlust und Verpflichtungen, es waren helle Tage.
Dein Buch ist wundervoll und elegant, poetisch und klug, sehr wehmütig und traurig, dein Buch ist wie das Leben. Es hat mich an jenes Glück erinnert, das ich immer bei mir trage, jenes kleine Glück, das genau in mein Herz passt: Freunde zu haben, die man seit immer kennt, und eine Kindheit erlebt zu haben, die leuchtet, auch später noch, wenn es dunkel ist im Erwachsenenleben. Und da schon so viel geschrieben worden ist über den Inhalt deines Buchs, möchte ich ihn nicht nacherzählen, sondern deine Worte sprechen lassen, ausgewählte, feine, klingende Sätze zitieren, damit dein Roman noch mehr Leser findet und sie darin sich selbst finden können. Und ich möchte dir danken. Dafür, dass du die richtigen Worte gefunden hast für die Geschichte dieser drei Freunde, die so zerbrechliche und doch so starke Kinder sind. Dafür, dass es dir gelungen ist, diese Kinder erwachsen werden zu lassen, ohne dass die Geschichte ihren Zauber verliert, und dass du mich mitgenommen hast nach Rom, wo ich viele erinnernswerte Tage erlebt und mich verändert habe. Dafür, dass du mir diesen letzten Sommersonnenstrahl geschenkt hast. Er wird mich den Winter überstehen lassen.

„Wir nannten diesen Sommer Zigis Sommer, auch Jahre später, wenn wir uns erinnerten, nannten wir ihn so, diesen einen Sommer, der sich aus lauter hellen Tagen zusammenfügte.“

„Ich hatte mich in Ajas Leben begeben, als sei ein fester Platz für mich immer schon darin vorgesehen gewesen.“

„Er brauchte Zeit für alles, was er tat, und wenn er auf seinem schwarzen Fahrrad ohne Schutzbleche losfuhr, sah er immer aus, als trage er unter seinen Kleidern einen Gips an Armen und Beinen.“

„Über Aja kamen diese Jahre, die unsere Kindheit ablösten, wie eine Krankheit, die für den Moment unheilbar blieb, gegen die sie nichts tun und nichts nehmen, der sie nur entwachsen konnte.“

„Wir laufen durch Kirchblüt, und alles ist anders, wir haben es verloren, so wie wir die Orte unserer Kindheit verlieren, zum ersten Mal, wenn wir keine Kinder mehr sind, und später noch einmal, wenn wir als Erwachsene zurückkehren und uns wundern, wie sie wirklich aussehen.“

21 Comments

  1. Ein schöner Brief, der dem Buch – so vermute ich mal, denn ich habe es noch nicht gelesen – absolut gerecht wird. Den Schwimmer habe auch ich sehr gerne gelesen – eine kostbare Perle. Auf Die hellen Tage freue ich mich noch…

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    1. Mariki Author

      Du wirst sicher Freude damit haben! Es ist kein perfektes, aber ein ganz besonderes Buch – und ich hab so einen wunderbaren persönlichen Bezug dazu gefunden, das war sehr schön.

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  2. Nach meinem Kommentar bei Facebook habe ich meine damaligen Notizen zum Roman herausgekramt und darin Worte gefunden wie „märchenhaft“, „leicht“, „anspruchsvoll“, „tiefgründig“. Negativ war für mich allein die ständige Wiederholung des Motivs der „hellen Tage“, das eindeutig zu oft auftaucht. Auch sind viele der andere Bilder und Motive sehr penetrant verwendet worden. Ich erinnere mich aber immer noch sehr gerne, wie ich vor mehr als einem Jahr damit im Sand saß und mich in der Geschichte richtig verlieren konnte. Wenn ich das Buch heutzutage in die Hand nehme, rieselt auch jetzt noch immer ein bisschen Sand heraus.
    Deine Besprechung, bzw. deine Brief ist – wie immer – toll geschrieben. Ich habe deine Worte sehr gerne gelesen und in mich aufgenommen. :-)
    Mara

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    1. Mariki Author

      Liebe Mara,
      da stimme ich dir zu, dass die Motive stark strapaziert werden – aber es hat mich in diesem Fall wenig gestört. Wenn wir aber gerade dabei sind – schade fand ich, dass Ich-Erzählerin Seri so wenig von sich selbst preisgibt und viel mehr Aja und Karl in den Mittelpunkt rückt.
      Aber der märchenhafte Zauber des Buchs war für mich sehr stark, weshalb ich keine negativen Gefühle behalten habe, sondern nur schöne.

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  3. Was für eine wunderschöne Liebeserklärung, liebe Mariki! Da glüht selbst mein Herz und mir wird ganz warm, obwohl es nicht mein Buch und ich nicht die Autorin bin. Ich bin entzückt und danke dir dafür!

    Mir ist es übrigens jedes Mal eine besondere Freude, wenn ich das Buch verkaufe, ob als persönliche Empfehlung oder wenn die Kunden danach fragen. Wenn das Buch am Ende vom Kassenscanner geküsst wird, ist das einfach nur schön. Ja, das ist Glück. Und warm ist es dann in mir, vor Freude und natürlich blitzt die Erinnerung an dieses eindrucksvolle Leseereignis auf, ich denke an die Stunden, die von einer Wärme und einer Helligkeit gefüllt waren. Ja, auch das ist Glück, das ich jetzt mit deinen eigenen, feinen Worten nochmals besonders fühlen konnte.

    Ganz herzlich,

    Klappentexterin

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    1. Mariki Author

      Diese Freude kann ich nachempfinden, liebe Klappentexterin – letztens hab ich Die hellen Tage auf dem Nachttisch meiner Tante entdeckt und mich sehr gefreut, dass sie von jemand anderem gelesen werden.
      Es bedeutet mir sehr viel, wenn ich in der Flut der Bücher manchmal eines finde, das zu mir und meinem Leben passt, das mich auffängt und an Schönes erinnert und das so viel mehr ist als nur Papier mit Buchstaben drauf. Dafür wollte ich Zsuzsa Bánk danken (auch wenn sie davon wohl nie erfahren wird).

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  4. Liebe Mariki

    Du sprichst mir mit deinen Worten aus dem Herzen. Gerade am letzten Samstag habe ich eine der Nachbarstöchter, seit Jahrzehnten das erste Mal, per Zufall getroffen und wir sprachen über unsere Kindheit. Sie sagte: „Wir hatten doch eine sehr schöne Kindheit, damals.“ Ja, genau meine Kindheit habe ich in „Die hellen Tage“ wieder gefunden und während des Lesens habe ich immer eine gewisse Wehmut empfunden, denn ich war ein Kind genau jener Zeit, die beschrieben wird. Auch wir waren mit den Nachbarskindern draussen unterwegs, haben Spiele erfunden, Hütten gebaut, uns im Maisfeld versteckt und sind gemeinsam in den Wald gezogen. Wie hell diese Tage doch waren.
    Das Buch hat zwar einige Längen und man hätte es kürzer fassen können, aber ich liebe den Roman trotzdem – wie den „Schwimmer“ auch.

    Liebe Grüsse
    buechermaniac

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  5. Den „Schwimmer“ habe ich übrigens auch sehr gerne gelesen. Überhaupt: kennengelernt habe ich Zsuzsa Bank dank eines Artikels in der Zeit, in dem sie über ihre Liebe zu Adrian Leverkühn schreibt, die ich mit jeder Faser nachvollziehen konnte, in der ich mich wiedergefunden habe. Seitdem lese ich sie sehr gerne. :-)

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  6. Auch ich muss mich unter die begeisterten Leser dieses Buches mischen. Ich bin richtig gespannt was nach so einem Buch von ihr noch kommen kann. Als ich sie letztes Jahr aus ihrem eigenem Buch hab lesen hören, hab ich richtig Gänsehaut bekommen, denn ihre zarte Stimme passt perfekt zur Atmosphäre der hellen Tag. Ich selbst hatte eine ganz andere Kindheit aber Zsuzsa Bánk schafft es einem eine Zweite zu verschaffen.

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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  7. ich weiß ich bin spät dran aber Deine worte sind so treffend und ich stecke noch mittendrin, naja, ein stückchen hinter der mitte, gerade so da wo Deine zitate enden, die kenne ich also schon.
    es ist in der tat (bei mancher kleinen länge und wiederholung die aber verziehen werden weil immer wieder in die stimmung passend, da schwanke ich immer noch zwischen 4 oder 5 von 5 sternchen) traumhaft und läßt einen träumen wenn man sich die zeit nehmen kann, deshalb nehme ich es auch nur dann zur hand wenn ich mehr als 2-5 seiten „schaffe“, und nach all Euren lobesworten freue ich mich jetzt schon auf den schwimmer den ich auch noch nicht kenne
    liebe grüße
    die ratze

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    1. Mariki Author

      Es hat wirklich Längen, aber merkwürdigerweise macht das nichts … man wird so überflutet von diesem Buch, und ich freu mich, dass es dir auch so ergeht!

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