Gut und sättigend: 3 Sterne

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital

„Man erkennt sich selbst ja immer erst an seinen Taten, nicht an den hunderttausend Möglichkeiten, die es zuvor gab“
„Das Krankenhaus ist die Schleuse zwischen Leben und Nichtleben“, und hier treffen einander die Pariserin Hélène und der Amerikaner David. Sie beginnt gerade hoffnungsvoll mit einer In-vitro-Behandlung, er hat ein Trauma aus dem Krieg im Irak mitgebracht. Sporadisch laufen sie sich in der Klinik über den Weg, und nachdem sie erkannt haben, dass sie beide Gedichte lieben und sich sympathisch sind, nutzen sie alle paar Monate die Gelegenheit, sich zu unterhalten. Für beide läuft die Behandlung nicht wie geplant: Hélène erleidet mehrere Fehlgeburten, David kann seine depressiven Angstzustände nicht überwinden. Sie vertrauen sich einander an und werden zu „zwei Krüppeln, die sich gegenseitig stützen“. David macht Hélène über die Jahre hinweg Mut, sie begleitet ihn auf Spaziergängen und hört den Berichten von seinen grausigen Kriegserlebnissen zu: „Wissen Sie, woran ein Zivilist zu selten denkt, das ist, dass der Krieg nicht auf einem Sportplatz stattfindet, sondern mitten in der Welt, die dafür nicht gemacht ist. Da leben Menschen, Tiere, da gibt es eine Natur, und plötzlich rollen Panzer darüber hinweg, explodieren Häuser, wird die Erde umgepflügt und mit toten Menschen und Tieren gedüngt.“ Hélène und David sind Weggefährten, die einander helfen – und danach wieder auseinandergehen.

Der preisgekrönte deutsche Autor Michael Kleeberg erzählt in Das amerikanische Hospital vom Krieg und den gewaltigen Lücken, die er ins Leben reißt, von dem brennenden Wunsch nach einem Kind und einem Körper, der ihn nicht erfüllen kann – und von zwei Menschen, die im Leid des anderen das eigene Spiegelbild erkennen. In diesem Sinne ist seine Geschichte voll des Kontrasts zwischen Menschlichkeit und Wärme einerseits und der harten Realität der Weltgeschichte andererseits. Der Roman lebt von den Gesprächen zwischen Hélène und David – und diese Dialoge sind wohlfeil, intelligent, voll von belesenen Anspielungen, gewitzt und philosophisch. Kurz: Im echten Leben gibt es wenige bis gar keine Menschen, die sich stets auf derart elegante Weise unterhalten – schon gar nicht, wenn einer davon eine Fremdsprache sprechen muss. Vielleicht sollte mich dieser Umstand nicht stören, weil ich ja auch wiederum keine alltäglichen 08/15-Dialoge lesen mag, aber er tut es. Ich werde das Gefühl nicht los, dass dieser Roman allzu sperrig und konstruiert für mich ist.

Ich entwickle natürlich Sympathie für die zwei angeschlagenen Protagonisten, die sich in dem mitleidslosen, auf Ergebnisse ausgerichteten Betrieb einer Klinik wiederfinden und tapfer versuchen, nicht in ihre Einzelteile zu zerfallen. Aber ich fühle nicht mit ihnen mit. Michael Kleeberg hat die Perspektive eines Ich-Erzählers gewählt, der weder Hélène noch David ist, sondern ein außenstehender Beobachter, der bei keinem einzigen der im Krankenhaus stattfindenden Gespräche anwesend ist, sie aber bis ins Detail wiedergeben kann und der auch jede Gefühlsregung der beiden kennt. Als der Ich-Erzähler sich als jemand entpuppt, über den das ganze Buch lang in der dritten Person gesprochen wurde, bin ich ob dieses Tricks nicht überrascht, weil er meinen gefühlsmäßigen Eindruck, etwas stimme mit der verqueren, merkwürdig distanzierten Perspektive nicht, bestätigt. Nichtsdestotrotz ist Das amerikanische Hospital ein überaus kluges Buch, das sich an zwei unzusammenhängende, aber in ihrem Kern schmerzhafte Themen wagt: ein unerfüllter Kinderwunsch und schreckliche Gewissensbisse aufgrund der eigenen Beteiligung an einem Krieg. Zu lachen gibt es in diesem Buch für niemanden etwas, auch nicht zu lächeln. Dafür aber bereitet der Autor die wichtigsten moralischen Gedanken und Einwände, die Gegenargumente und möglichen Konsequenzen zur Thematik auf, und das ist sowohl interessant als auch informativ. Nur lebensecht und lebendig, das ist es nicht.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
recht passendes, sehr pathetisches Cover.
… fürs Hirn: der Moment, in dem man vom Leben ausgebremst wird, weil es nicht so weitergeht, wie man es sich vorgestellt hat, weil man innehalten und sich neu ordnen muss.
… fürs Herz: die beschädigten Figuren von Hélène und David.
… fürs Gedächtnis: mein Gefühl, einem recht hölzernen Theater zuzuschauen, das nur dazu dient, einen moralischen Standpunkt zu vertreten.

0 Comments

    1. Mariki Author

      Ich weiß doch, wer der Ich-Erzähler ist, ich wollte es nur nicht verraten. Er spricht ja von sich selbst im ganzen Roman als Thomas, er ist also praktisch doppelt vorhanden, als das Ich und als die Figur. Und er ist bei keinem einzigen Gespräch zwischen Hélène und David dabei, sie erzählt ihm auch nie davon. Er ist ein allwissender Ich-Erzähler ohne eigene Persönlichkeit, an zwei Orten ist er gleichzeitig – in der Geschichte und draußen.
      Vermutlich kennst du – da du in Paris lebst – eloquentere und belesenere Menschen als ich Bauerntölpel, denn mir schienen die Diskurse wahnsinnig gestelzt und aufgesetzt. Inhaltlich aber natürlich sehr wichtig, da stimme ich dir zu.

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