Gut und sättigend: 3 Sterne

Alastair Bruce: Die Wand der Zeit

„Wenn uns jemand wirklich kennt, sind wir ganz wir, was immer der andere auch weiß, und sei es die finsterste Wahrheit“
Bran wurde von seinem Volk, das er einst als Marschall führte, auf eine einsame Insel verbannt. Dort lebt er seit zehn Jahren, hat sich angepasst an den Rhythmus der Natur. Was er zum Leben braucht, fängt er im Meer, um Feuer zu machen, sticht er Torf. An die Einsamkeit hat er sich, so gut es geht, gewöhnt, aber er denkt noch oft zurück an jenen Mann, seinen Nachfolger, der ihn verraten hat, und jene Frau, die er liebte. Brans Methoden als Marschall waren brutal und ohne Rücksicht auf alte und kranke Mitmenschen, sie sollte das Überleben der Mehrheit sichern – und brach ihm selbst politisch das Genick. Als eines Tages auf seiner Insel, die in zwanzig Jahren im Meer versunken sein wird, sein einstiger Widersacher und Kriegsgegner Andalus angeschwemmt wird, beschließt Bran, dass es Zeit ist, nachhause zurückzukehren. Er geht davon aus, gefangen genommen und hingerichtet zu werden. Nur mit einem rechnet er nicht: dass ihn niemand erkennt. Oder tun alle nur so? Inszenieren sie ein großes Schauspiel, um ihn zu täuschen? Wo ist seine Frau? Und warum spricht Andalus nicht? Bran hat das Gefühl, verrückt zu werden – und liegt damit vielleicht gar nicht so falsch …

Alastair Bruce nimmt mich in seinem ersten Roman mit in eine sehr archaische Welt in einer Zeit vor der Industrialisierung, als die Menschen von der Bewirtschaftung des kargen Landes lebten und der Natur verbissen abrangen, was sie benötigten. Bran war einst ihr Anführer – aber war er es wirklich? Wie sehr kann er seinen Erinnerungen trauen? Der Autor präsentiert mir einen Ich-Erzähler, dem ich anfangs notgedrungen jedes Wort glaube, bis mir – genau wie ihm selbst – Zweifel kommen. Auf die Erzählstimme ist kein Verlass, und das macht die Sache spannend, aber auch sehr verwirrend. Ab dem Zeitpunkt, da ich mit Bran in sein früheres Zuhause zurückkehre, verliere ich immer wieder die Spur, denn ich kann aufgrund der Perspektive nur seinen Schritten folgen, und er kennt den Weg selbst nicht. Was für ein Spiel wird in diesem Roman gespielt? Kreuzen sich Traum und Realität? Bran trägt schwer an seiner Schuld, die niemand mit ihm teilen will, und an den Entscheidungen, die er einst getroffen hat. Es dreht sich viel um Moral und Gesellschaftsmodelle sowie um das gezielte Auslöschen unangenehmer Erinnerungen.

Bei der Lektüre funkt mir meine Vorstellungskraft immer wieder dazwischen und zeigt mir auf amüsante Weise, wie sehr bereits gesehene Bilder prägen: Ich stelle mir Bran stets wie Tom Hanks in Cast Away vor, er hat in meiner Fantasie sein Gesicht als moderner Robinson, obwohl die Geschichte in einer apokalyptischen Fantasiewelt mit eher mittelalterlichen Zügen spielt. Ansonsten aber wird die Figur für mich nicht richtig greifbar. Bran berichtet mir seine Version der Geschichte, die aber augenscheinlich nicht stimmt, er rechtfertigt sich, er wiederholt sich, und ich weiß nicht, ob das, was er sieht, tatsächlich existiert. Das bedeutet: Die Wand der Zeit ist ein sehr ungewöhnliches, bildreiches, spannungsgeladenes, aber auch unklares und anstrengendes Buch. Einerseits ist die Sprache mächtig, die Beschreibungen sind sehr detailliert, andererseits geschieht im ganzen Roman insgesamt recht wenig, die Handlung kommt nicht vom Fleck. Das ist sehr schade, denn mit ein bisschen mehr Drive und einer handfesten Auflösung hätte Alastair Bruce mich wesentlich mehr begeistert. So bleibt ein immerhin originelles, aber letztlich unbefriedigendes Leseerlebnis.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein wirklich schönes Cover.
… fürs Hirn: vermutlich kann jemand, der zehn Jahre allein auf einer einsamen Insel lebt, gar nicht anders, als seinen Verstand zu verlieren.
… fürs Herz: das kleine Mädchen.
… fürs Gedächtnis: mein Bestreben, den Durchblick zu behalten – und mein Scheitern dabei.

Die Wand der Zeit von Alastair Bruce ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN 978-3-88897-774-9, 256 Seiten, 18,95 Euro).

0 Comments

  1. Liebe Mariki,
    ich habe das Buch ein bisschen anders empfunden als du, denn mich konnte Alastair Bruce mit diesem intelligenten und lesenswerten Roman in der Tat begeistern. Für mein Empfinden steht auch weniger die „Auflösung“ im Mittelpunkt, als die Themen, die Alastair Bruce anhand seiner Geschichte thematisiert: Erinnerungen, Gesellschaft und natürlich das kollektive Gedächtnis. All diese Themen finde ich vor allem auch im Hinblick dessen, was in unserem Land geschehen ist und wie dies im kollektiven Gedächtnis verarbeitet wird, unheimlich interessant. Das ist ein Thema, mit dem ich mich schon sehr lange beschäftige. Ich bin schon sehr gespannt, was wir von diesem junge Autor noch zu lesen bekommen werden. :-)
    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Mariki Author

      Liebe Mara,
      es freut mich, dass der Roman dich begeistern konnte – mir war er letztlich doch ein wenig zu wirr und schwammig, wobei er mir aber durchaus gut gefallen hat. Und all die Dinge, die geschehen sind – alte Menschen zu „entsorgen“, zu schweigen, alles zu vertuschen – das kam mir zum Teil auch arg klischeehaft vor, als könnte eine Gesellschaft sich nie etwas anderes ausdenken, um zu überleben. Aber insgesamt war der Roman sehr wohl fesselnd und lesenswert!

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