Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Anne Weber: Tal der Herrlichkeiten

Eine Liebe, so banal und großartig wie jede
„Bis auf das Leben und seine zähe Konstitution hatte er so ziemlich alles, was man verlieren kann, verloren: Arbeit, Haus, Frau, Kind, Sparbücher, Haar.“ Sperber lebt an einem rauen Küstenort in der Bretagne, wo er sich eingerichtet hat in einem ereignislosen, faden Alltag. Dessen Tristesse wird jäh unterbrochen, als er eines Tages am Kai einer blonden Frau begegnet, die ihn – ohne ein Wort – küsst. Sperber ist verwirrt und zornig und voller Sehnsucht. Er will die Frau, sie möge Luchs heißen, zur Rede stellen. Er findet sie in Paris, doch die Worte verlassen ihn bei ihrem Anblick: „Sie gingen aufeinander zu. Und während sie nun voreinander standen und sich zum ersten Mal wirklich ansahen, wölbte sich bläulich über ihren Köpfen die Ahnung des noch zu lebenden Lebens, des zu Erfahrenden, der ungeheuren Vielfalt des miteinander Möglichen. Noch war das erste Wort nicht gesprochen. Noch standen sie auf einer Brücke im Nichts und hielten sich mit den Augen.“ Viel Zeit ist den beiden nicht vergönnt, das Schicksal zeigt ihnen, wie glücklich sie sein könnten – und schlägt ihnen hämisch grinsend die Tür vor der Nase zu.

Anne Weber ist eine sanfte und behutsame Erzählerin. Sie hat zwei Menschen entworfen – und mit den absurden Namen Sperber und Luchs ausgestattet, die tierische Eigenschaften heraufbeschwören –, denen das Romantischste passiert, was unsere Gegenwart kennt: Liebe auf den ersten Blick. Eine Zuneigung, die keiner Erklärung bedarf. Seelenverwandtschaft, die beide überwältigt. Das ist keineswegs neu oder originell – aber überaus kraftvoll und berührend erzählt. Ich mag gar nicht hinsehen, so kitschig ist der Entwurf, und ich muss es doch tun, weil Anne Weber mich mit einem glitzernden Netz aus weichen Sprachfäden eingefangen hat. Sie lächelt mich nonchalant an, weil sie weiß, dass sie schreiben kann. Niemals sonst hätte sie sich an ein derart ausgelutschtes Thema gewagt – und sich eine Liebe erdacht, die über Sperber, Luchs und mir zusammenschlägt wie das Meer. Eine Zufallsbegegnung, ein vermeintlich willkürlicher Kuss – und ich fange, natürlich, an zu träumen. Sperber und Luchs sind nicht länger müde, nein, die Liebe macht sie lebendig. Und die Sprache fängt diese Lebendigkeit perfekt ein, selbst die Bettszenen werden zum literarischen Ereignis.

Allzu rasch bereitet Anne Weber allen Träumereien ein Ende. Was sie tut, bringt Sperber und mich zur Verzweiflung, gar so sinnlos erscheint es. Und als er sich in einer jenseitigen Traumwelt verliert, mag ich ihm nicht folgen, weil ich fremde Traumwelten verwirrend, unzugänglich und überaus anstrengend finde, vor allem, wenn sie sich mit der Realität verschränken und alle Grenzen verschwimmen. Am Ende des Buchs habe ich das Tal der Herrlichkeiten notgedrungen längst verlassen, aber ich kehre gern an den Anfang zurück, an den Kai, zu der Einsamkeit, die von einem Kuss aufgebrochen wurde, zu der Wortkunst der Autorin. Nie geht im Leben etwas gut, niemals – aber hoffen darf man, hoffen und die Augen vor der Wahrheit verschließen. So lange es geht.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
eine gewagte, auffällige Farbkombination.
… fürs Hirn: wenn du glaubst, es könnte Happy Ends im Leben geben – dann hör auf damit.
… fürs Herz: Herz und Hirn leben getrennt, denn das Herz wünscht sich trotzdem ein gutes Ende.
… fürs Gedächtnis: der schwere, erzerne, melodische Sprachklang, der tief geht.

Tal der Herrlichkeiten von Anne Weber ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-091062-2, 252 Seiten, 18,99 Euro).

0 Comments

  1. […] und sich eine Liebe erdacht, die über Sperber, Luchs und mir zusammenschlägt wie das Meer. Das Buchcover passt wunderbar zu deinen schönen Worten. Beides, deine Rezension und das Cover, machen Lust in dieses Buch einzutauchen.

    LG buechermaniac

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