Für Gourmets: 5 Sterne

Margaret Mazzantini: Das Meer am Morgen

„Die Geschichte ihres Exodus ging in Fetzen wie ein Drachen in einem zu heftigen Wind“
Farid ist noch ein Kind, doch er hat schon das Schlimmste gesehen: Gaddafis Truppen haben ihm den Vater ermordet, gebrannt hat das Dorf, geflüchtet ist er mit seiner Mutter Jamila. „Großvater Mussa sagte, die wahren Beduinen würden in der Wüste sterben, in einen Sandwirbel gehüllt, etwas Besseres könne man sich gar nicht wünschen. Gott habe sie in die Irre geschickt, um sie wieder eins werden zu lassen mit ihrem Schicksal.“ Das plant Gott auch mit Farid und seiner Mutter – doch in die Irre schickt er sie auf dem offenen, angsteinflößenden Meer, und er ist gnadenlos. So gnadenlos wie die Menschen, die einander zermetzeln, zerstören, verjagen. Farid ist so unschuldig wie ein Grashalm und kommt trotzdem unter die Räder. So erging es auch Angelina viele Jahre zuvor, die als Kind italienischer Eltern in Libyen aufwuchs und vertrieben wurde. Sie hat dasselbe Meer überquert und landete in Sizilien, wo sie die Sehnsucht nach der Wüste, nach dem Kerzenwachs und ihrer ersten großen Liebe Ali nie stillen konnte. Für ihren Sohn, den 18-jährigen Vito, ist die Mutter wie das Meer: „der gleiche klare Blick, die gleiche Ruhe und innen der Sturm“. Ans Meer geht Angelina nicht mehr, sie will nicht schwimmen in dem Wasser, in dem die Menschen aus den Schlepperbooten hilflos ertrinken wie Fliegen in Zuckerbrühe. „Gedanken sind böses Gas“ – und ihre Folgen sind noch viel böser. Denn auf „dem Grund jeder westlichen Zivilisation liegt ein Unheil, eine kollektive Schuld“. Das hat Angelina am eigenen Leib erfahren, und nun spürt es Farid: Noch ist er am Leben, aber dieses Leben ist im Spiel der Mächtigen nichts wert, gar nichts.

Margaret Mazzantini, die mich vor Jahren mit Non ti muovere begeisterte, gehört zu den großen Bestsellerautorinnen Italiens – absolut zu Recht. In ihrem neuen schmalen Werk, dessen wenige Seiten bis zum Bersten gefüllt sind mit Emotionen, Leid, Angst und Traurigkeit, zeigt sie mir ein fremdes Land, in dem es heiß ist und sandig: Libyen. Sie zeichnet dieses Land für mich in so blendenden Farben, dass ich es sehen, hören, riechen kann. Mussolini schickte die Italiener hierher, sie machten sich die Erde zu eigen, bauten sich eine Heimat auf, integrierten sich. Viele von ihnen waren Juden. In diese Zeit setzt die Autorin die kleine Angelina, deren Wurzeln in Libyen festgewachsen sind – bevor sie ausgerissen werden, als Gaddafi an die Macht kommt und die Italiener nicht mehr im Land haben will: „Natürlich hatten nicht sie die Beduinen in den Konzentrationslagern niedergemetzelt, sie hatten nur gearbeitet, hatten Libyen verschönt, hatten Brunnen und Abwasserkanäle gebaut.“ Gehen müssen sie trotzdem. Angelinas Eltern verkraften das niemals, sie selbst bleibt Zeit ihres Lebens ein verpflanzter Baum, der nicht mehr wächst. Dieser Geschichte zur Seite stellt die unfassbar talentierte Schriftstellerin die Erzählung des kleinen Farid, der sich nicht für die Politik in Libyen interessiert, sondern für die Ziege, die sich ihm immer wieder annähert. Jener Gott, an den sein Großvater Mussa glaubt, hat Farid zur falschen Zeit an den falschen Ort gebracht: Farid hat keine Chance. Hilflos und mit Tränen in den Augen muss ich zusehen, wie der Durst immer größer und der kleine Körper immer schwächer wird.

Margaret Mazzantini trifft mich mit diesem Buch wie mit einem Faustschlag mitten ins Gesicht. Sie bricht mir die Nase. Und das Herz. Dies ist ein Roman, der weit über die Schmerzgrenze geht: Er greift direkt in mein Menschsein, in mein Mitgefühl, meine Seele. Ich möchte mich niederknien und übergeben vor Wut und vor Trauer. Ein Meer trennt zwei Länder, und seit Generationen spielen die Mächtigen metaphorisch gesehen Schiffe versenken – und wie immer sterben die Unschuldigen. Die Ungerechtigkeit drückt mich nieder, denn das Wasser, das Farid retten könnte, versickert in meiner Badewanne, in meiner Blumenerde, in meinem Geschirrspüler. Ich fühle mich schuldig. Deshalb ist Das Meer am Morgen ein unendlich wichtiges, ein herausragendes Buch, das gelesen werden sollte, damit seine Botschaft gehört wird, die Botschaft von der Sinnlosigkeit unseres Tuns. Auf nur 128 Seiten entwickelt dieser Roman eine ungeheure Wucht und lässt mich direkt in den Abgrund schauen. Die Worte sind klar, direkt, schnörkellos, schön. Sie schneiden wie Rasierklingen. Und die beste Literatur vermag genau dies. Lest dieses Buch. Bleibt nicht gleichgültig, niemals.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt:
… fürs Auge:
perfekt.
… fürs Hirn: dieses Buch ist Pflicht!
… fürs Herz: die Tränen kommen ganz ohne mein Zutun.
… fürs Gedächtnis: die vielen feinen, stimmigen Sprachbilder, die den tiefgehenden Inhalt so leichtfüßig transportieren.

Das Meer am Morgen von Margaret Mazzantini ist erschienen im Dumont Verlag (ISBN 978-3-8321-9684-4, 128 Seiten, 16,99 Euro).

13 Comments

  1. Liebe Mariki, auf diesem Wege danke ich dir für die Funken, die du für dieses bewegende Buch versprüht hast. Momentan ist mir nicht nach dieser schweren Kost, aber wenn der Appetit zurückgekehrt ist, werde ich an deine Worte denken und es aufschlagen. Versprochen!

    Es grüßt dich herzlichst,
    Klappentexterin

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    1. Mariki Author

      Das solltest du unbedingt tun! Ich bin sehr gespannt, zu erfahren, ob das Buch dich auch so treffen wird wie mich. Viel Vergnügen mag ich dir bei dieser Lektüre gar nicht wünschen … aber einen offenen Blick und ein waches Herz, und beides, das weiß ich, hast du.

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  2. Eine sehr kraftvolle Rezension, die den Leser aufzurüttelt. Dabei handelt es sich doch ’nur‘ um die Besprechung eines aufrüttelnden Buches. Große Klasse!
    Den Roman notiere ich mir, dennoch möchte ich mit Venuto al mondo (oder auch Non ti muovere) beginnen.

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    1. Mariki Author

      Ich hoffe, ich konnte dem Buch mit meinen Worten gerecht werden. Es hat eine Weile gedauert, ehe ich dazu fähig war, diese Rezension zu schreiben. Diese Autorin solltest du unbedingt entdecken! Du kannst sie ja grandioserweise sogar im Original lesen.

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      1. Auch wenn ich das Buch noch nicht gelesen habe, bin ich mir sicher, dass ihm deine Worte gerecht werden. Vorher hat es mich ehrlich gesagt nicht sonderlich gereizt, daher auch meine Zurückhaltung im virtuellen Lesekreis. Nun aber bin ich mir sicher, dass ich das Werk früher oder später lesen werde bzw. lesen muss. Am besten natürlich im Original, ganz richtig. Das könntest du doch auch, oder?

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  3. Ich habe mir nun endlich mal die beiden ersten Romane der Autorin auf den SuB gepackt – nach „Die Forrests“ und dem neuen Roman von Mira Magén sind sie endlich dran, das muss eine großartige Autorin sein!

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  4. Liebe Mariki,
    ich wollte mir deine Besprechung erst durchlesen, wenn ich das Buch selbst gelesen und besprochen habe – gestern ging meine Rezension schließlich online. Erst einmal vorweg: ich finde deine Rezension wirklich genial geschrieben und habe sie sehr gerne gelesen. Ich finde es darüber hinaus interessant wie unterschiedlich wir die Lektüre erlebt haben, denn anschließen kann ich mich deinen Worten nicht unbedingt. Sprachlich ist das Buch sicherlich nett geschrieben, aber erreichen konnte es mich leider nicht. Mazzantini schnappt sich dieses hochaktuelle und sicherlich wichtige Thema, das dann jedoch gemeinsam mit den beschriebenen Figuren völlig hinter ihrer sprachlichen Wucht verschwindet. Auf mich wirkte das wenig authentisch, sehr oberflächlich. In meiner Besprechung schrieb ich: „All diese Bilder und Metaphern und die ganze Poetik kippt sie über diesen schmalen Text aus, was für mein Empfinden für eine Verwässerung, für eine Verdünnung sorgt. Die Sprache steht im Vordergrund, das Schicksal der Figuren verschwindet leider etwas dahinter.“

    „Das schönste Wort der Welt“ lieght hier jedoch bereits und wartet darauf entdeckt zu werden – so schnell möchte ich dann doch nicht aufgeben! :-)
    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Mariki Author

      Liebe Mara,
      schön, dass du das Buch inzwischen gelesen hast! Gewirkt hat es aber auf uns beide wirklich unterschiedlich, das ist interessant. Denn ich hab es nicht so empfunden, wie man ja lesen kann, dass die Figuren hinter der Sprache verschwunden sind, für mich waren der wuchtige Stil und die pathetischen Schicksale eine Einheit. Ich war sehr berührt … aber letztlich bleibt es ein Buch, ein schmales, dünnes, das nichts bewirken und verändern kann, nur erzählen.
      Bin gespannt, wie es dir mit dem schönsten Wort der Welt gehen wird!

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      1. Liebe Mariki,
        mich konnten die Schicksale, beispielsweise das von Farid, aufgrund der Erzählweise und Sprache leider überhaupt nicht mehr erreichen.
        Auf das schönste Wort der Welt bin auch schon sehr gespannt und werde gerne berichten, wie es mir gefallen hat! :-)

        Viele Grüße
        Mara

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