Gut und sättigend: 3 Sterne

Katja Oskamp: Hellersdorfer Perle

Das Korsett des Alltags
Eine Frau – von ihrem Vater als Kind „Katinka“ gerufen – hat eine entzückende Tochter namens Paula und führt mit Theaterkritiker Micha eine harmonische Ehe. Bis sie ihn eines Tages aus heiterem Himmel verlässt, in die Straßenbahn steigt, bis zur Endhaltestelle am äußersten Rand Berlins fährt und dort die heruntergekommene Kneipe namens Hellersdorfer Perle betritt. Am Tresen sitzt ein älterer Mann mit Hörgerät und Stock, der eine unerklärliche Faszination auf die Frau ausübt. Er befiehlt ihr, einen Rock zu tragen, wenn sie das nächste Mal kommt – und sie gehorcht. Von da an befiehlt der Mann der Frau so einiges, das sie befolgt: ein wahnsinnig enges Korsett anzulegen, zu Fuß durch halb Berlin nachhause zu gehen und sich willenlos von ihm nehmen zu lassen. Während ihre Freundin, die Schauspielerin Tina, sie mühevoll dazu überredet, in den Alltagstrott mit Micha zurückzukehren, merkt Katinka, dass nichts mehr so ist wie zuvor. Zwar will sie ihrem Kind ein glückliches Zuhause bieten – aber sie will auch zügellosen Sex mit dem Mann, den sie nie beim Namen nennt. Nun ist klar: Sie kann eine Zeitlang ein Doppelleben führen und beides haben, aber früher oder später muss sie sich entscheiden.

Katja Oskamp stellt in ihrem teils recht provokanten Roman die Frage: „Was wäre, wenn man allem Vertrauten den Rücken zukehrte, einfach so? Wenn man sich auf das Unerhörte einließe?“ Dann gibt sie mit ihrer Geschichte rund um die Ich-Erzählerin eine Antwort. Sie entspinnt einen Faden und verfolgt eine der vielen Möglichkeiten: Was kann alles passieren, wenn man es zulässt? Der Frau passiert eine Begegnung mit einem unattraktiven, älteren Mann, dem sie sich nicht entziehen kann. Und die Affäre mit ihm ist ihr sehr willkommen, denn sie fühlt sich in ihrer ruhigen, liebevollen Beziehung mit Micha kaltgestellt. Ganz plötzlich wird ihr langweilig, und sie will das, was sie hat, nicht mehr. Das ist verständlich, das ist menschlich, und auch ich kann mich – wie vermutlich jeder – zumindest ein Stück weit mit ihr identifizieren. Es geht also in Hellersdorfer Perle um das uralte Rätsel: Wenn das Feuer der ersten Liebe erloschen ist und man vor der Asche steht, wie kann man es wieder entfachen? Soll man es überhaupt versuchen? Oder lieber woanders ein neues entzünden? Das zu beurteilen, vermag weder Katja Oskamp noch ich. Sie bastelt aus dem Problem, vor dem viele Paare stehen, einen überraschenden, wilden, lasziven Roman, in dem geknurrt, geleckt und gevögelt wird – und in dem alle verletzt werden. Denn so einfach, wie es klingt, ist es freilich nicht, die eigene Ehe und das mühsam aufgebaute Glück zu zerbrechen. Es tut weh. Wobei es mich doch ein wenig wundert, dass im Verlauf der Handlung das, was zuvor unaussprechlich war – Sex mit einem anderen – auf einmal so normal wird. Die Frau ist unentschlossen, unfair und egozentrisch, Ehemann Micha gibt sich resigniert, lasch und völlig frei von Kampfgeist. Originell wird die Geschichte durch Katja Oskamps Schachzug, Katinkas Objekt der Begierde nicht wie ein junges Model, sondern wie einen alten Haudegen aussehen zu lassen, der noch dazu herrisch und unfreundlich ist. Klarerweise fällt es mir schwer, dessen Anziehungskraft nachzuvollziehen. Die Sexszenen sind in meinen Augen teilweise prickelnd und teilweise abstoßend. So bleibt abschließend zu sagen: Ich fand es aufregend, der Frau bei ihren Fahrten durch das nächtliche Berlin und ihrer Suche nach einem Abenteuer zu folgen – aber ich war sehr froh, dass ich dann nachhause zurückkehren konnte.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
schön anrüchig.
… fürs Hirn: die Aufgabe, sich auf ewig mit der Frage zu quälen, ob die Monogamie sinnvoll ist.
… fürs Herz: eher wenig, die Herzen werden gebrochen.
… fürs Gedächtnis: mein eigener Widerwille beim Gedanken, mit einem Mann, der älter ist als mein Vater, ins Bett zu gehen.

2 Comments

  1. Das erinnert mich irgendwie an die Sachen mit den 50 Schattierungen, aber hier scheint es sich um ein anspruchsvolleres Exempla zu handeln. Is aber trotzdem nicht meine Baustelle, weil ich die Details in beiden Fällen gar nicht wissen will.

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