Gut und sättigend: 3 Sterne

Buddhadeva Bose: Das Mädchen meines Herzens

Ist die Erinnerung an vergangenes Glück eine glückliche oder eine traurige?

Vier Männer, die einander nicht kennen, hängen eine Nacht lang auf dem Bahnhof einer indischen Kleinstadt fest, ihr Zug fährt erst am Morgen. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sie alle von ihrer ersten oder bedeutsamsten Liebe: von jenen Frauen, in die sie unglücklich verliebt waren oder die sie geheiratet haben. Die vier Männer unterscheiden sich stark voneinander, was den sozialen Hintergrund, die Herkunft und den Charakter betrifft, aber eines eint sie: Jeder von ihnen hat Momente erlebt, die es wert sind, erinnert zu werden. Und so vergehen die kalten Nachtstunden mit dem Wiederbeleben dieser Erinnerungen. Makhanlal berichtet von jenem schönen Mädchen, dessen Eltern sich trotz Armut weigerten, ihn als Schwiegersohn zu akzeptieren, und Gagan erzählt von Pakhi, die ihn mehr liebte als er sie. Doktor Abanis Geschichte dagegen hat ein gutes Ende, während Bikasch eine völlig verklärte Liebe erlebt hat. Als der Morgen graut, beendet er seinen Monolog – und die vier gehen auseinander, jeder versunken in seine Gedanken.

Buddhadeva Bose ist ein 1974 verstorbener bengalischer Autor von großer Bedeutsamkeit für den bengalischen Sprachraum. Im Original erschien Das Mädchen meines Herzens im Jahr 1951. Es bildet daher bestens die damaligen Verhältnisse in Indien ab. Der Autor lässt vier verschiedene Männer, die jedoch allesamt der mittleren bis gehobenen Klasse bzw. Kaste angehören, aus ihrem Leben berichten. Sie tauchen ein in ihre Vergangenheit und graben jenen Schatz aus, der dort unter dem Schutt der Jahre verborgen liegt: eine Liebe. Es spielt keine Rolle, welchen Verlauf die Liebesgeschichte nahm. Sehr intim ist diese Nacht für die einander Unbekannten, die sich nie wiedersehen werden, nachdem sie etwas derart Persönliches miteinander geteilt haben. Mit unserem mitteleuropäischen Anforderungen an die romantische Liebe darf man die vier Geschichten in diesem Buch nicht beurteilen, denn in einem Land, in dem Ehen arrangiert werden, entscheidet nicht das Herz über den Fortgang einer Verliebtheit. Das ist sehr spannend und interessant zu lesen. Das Mädchen meines Herzens ist, wie könnte es sein, ein kleines Buch fürs Herz: sentimental, ruhig, mit einem Augenzwinkern, das der zeitliche Abstand mit sich bringt, wenn man auf sich selbst in früheren Jahren zurückblickt und erkennt, dass man seither viel dazugelernt hat. Denn letztlich ist das Aufbrechen der Erinnerung nur ein Spiel, wir gebrauchen sie, verändern sie, und ich mag die feine Ironie von Buddhadeva Bose, die bestens in diesen Worten eingefangen ist:
„Die Erinnerung bleibt. Sie ist das Einzige, was einem bis zum Ende bleibt.“
„Und welchen Wert hat die Erinnerung?“
„Nicht den geringsten!“, warf der Mann aus Delhi heiter ein. „Stört bei der Arbeit, raubt einem die Zeit und verdirbt das Gemüt. Kommen Sie, trinken wir Kaffee!“

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
schön gemacht, wäre mir aber ohne Empfehlung nicht aufgefallen.
… fürs Hirn: die kulturellen Unterschiede.
… fürs Herz: das ganze Buch.
… fürs Gedächtnis: der kuriose Ausflug in bengalische Gepflogenheiten.

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