Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Kevin Wilson: Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung

Selig sind die Verrückten
„Es war Zeit für einen Urlaub, deshalb fälschten Mr. und Mrs. Fang Papiere für die ganze Familie.“ Klingt schräg? Ist es nicht. Für Buster und Annie war es in ihrer Kindheit Alltag, sich als jemand anderes auszugeben und an den völlig verdrehten Happenings teilzunehmen, die ihre Eltern inszenierten. Für die komplett wahnsinnigen, international durchaus anerkannten Künstler muss Kunst lebendig sein, und sie lieben es, die Einzigen zu sein, die wissen, was vor sich geht. In Einkaufszentren und Flugzeugen, auf offener Straße und in Museen führten sie sich zusammen mit Kind A und Kind B auf wie Gestörte, um die Leute zu verwirren. Als Kinder mussten Buster und Annie singen, vor der Polizei wegrennen, heulen, schreien, vor einem brennenden Haus auf ihre Eltern warten, die sich drinnen befanden. Ihr bester Freund war die nie enden wollende Peinlichkeit. Inzwischen sind beide erwachsen, und obwohl sie großes Talent haben, will sich der Erfolg nicht so recht einstellen: Annie war schon für den Oscar nominiert und steht im Moment aufgrund von Nacktfotos im Aus; Buster hat einen tollen Roman geschrieben, seinen zweiten wollte nur leider niemand mehr lesen. Beide sind vor ihrer Kindheit auf der Flucht, und beide tragen die traumatischen Erlebnisse immer mit sich: „Deine Familie scheint sich darauf getrimmt zu haben, so auf die Welt zu reagieren, wie es zu ihrer Kunst passt, und nun kannst du mit Menschen in der realen Welt nicht mehr umgehen. Jede Unterhaltung scheint für dich nur der Vorspann zu etwas Entsetzlichem zu sein“, hat eine Frau einmal zu Buster gesagt. Als er und Annie aus diversen Gründen Unterschlupf brauchen, kehren sie nach vielen Jahren nachhause zurück. Doch obwohl sie auf alles vorbereitet sind, haben sie absolut keine Vorstellung davon, was ihre Eltern nun wieder ausgeheckt haben …

Kevin Wilsons Roman mit dem langen Titel ist eine Sammlung absurdester Einfälle, wie sie mir noch nie untergekommen sind. Abwechselnd erzählt er von Annies und Busters nur halb glücklichem Leben in der Gegenwart und den seltsamen Happenings von Mr. und Mrs. Fang in der Vergangenheit. Diese treten übrigens nicht in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung auf, im Gegenteil – das allererste Happening, bei dem Annie noch ein Baby war und das die ganze Idee ins Rollen brachte, kommt in der Mitte des Buchs. Es ist mir daher ein Rätsel, was den Verlag zu dem deutschen Titel bewogen hat. Im Original heißt das Buch The Family Fang, was ich nun im Vergleich zum Inhalt auch nicht gerade originell finde. Davon unabhängig hat Kevin Wilson sich bei der Konstruktion der Fang’schen Inszenierungen ordentlich ins Zeug gelegt und viel Fantasievolles zu Papier gebracht, was beim Lesen sehr viel Spaß bringt. Wenn ich versuche, mich an Busters oder Annies Stelle zu versetzen, kribbelt die Scham auf meiner Haut, weil Hunderte Leute mich anstarren und meine Eltern sich gebärden wie Irre. Es ist dem Autor gut gelungen, glaubhaft darzustellen, welche Traumata ihre Kindheit als „Werkzeuge“ ihrer Eltern bei den zwei Protagonisten ausgelöst hat. Sehr verblüfft bin ich über seine Idee im weiteren Verlauf der Handlung, weil ich nie vorhersehen kann, was als Nächstes geschieht, und davon bestens unterhalten werde. Das Buch hält noch viel mehr Überraschungen parat, als ich geahnt habe. In diesem Sinne sei ihm sein großer Erfolg vergönnt! Etwas schade ist, dass Kevin Wilson sich derart auf diesen überdrehten, alles einnehmenden Kunstaspekt konzentriert hat, dass seine Figuren in meinen Augen ein wenig gelitten haben. Die Charaktere funktionieren sozusagen nur in Bezug auf die Happenings und das Familiengeflecht, als Einzelfiguren bleiben besonders die Eltern recht platt und undefiniert. Das ist aber andererseits nicht allzu dramatisch, weil ich ohnehin genug damit zu tun habe, den verqueren Geschehnissen zu folgen. In jedem Fall hab ich das Buch sehr gern gelesen und lege es allen ans Herz, die verrückte Familiengeschichten mögen – eine dermaßen verrückte kennt ihr noch nicht.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
nun ja, da wäre noch Luft nach oben gewesen.
… fürs Hirn: der Wahnsinn, der pure Wahnsinn!
… fürs Herz: Annie und Buster, die bei allem Witz auch wirklich verletzt werden.
… fürs Gedächtnis: das eine oder andere total bescheuerte Happening, etwa als Annie und Buster so tun, als würden sie mit Gesang für ihren kranken Hund Geld sammeln und dabei von ihren Eltern als schlechte Sänger beschimpft werden.

Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung von Kevin Wilson ist erschienen bei Luchterhand (ISBN 978-3-630-87401-2, 382 Seiten, 14,99 Euro).

6 Comments

  1. Deine Rezension hat mich neugierig gemacht. Leider. Denn eigentlich will ich gerade keine Bücher mehr kaufen. Böse Mariki… Böse…

    😀

    Aber im Ernst. Du hast das Buch wirklich schön vorgestellt und ich werde es im Auge behalten. Vielleicht gibst Du es mal ab 😉

    Herzlichst
    Bibliophilin

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  2. Liebe Mariki, ich lese es gerade, schon seit einiger Zeit, und es wird auch noch ein Weilchen dauern, da ich permament abgelenkt werde. Aber: Mein Eindruck deckt sich absolut mit deinem. Eine wahnsinnig skurrile Familiengeschichte voller irrsinniger Einfälle, die dieses Roman zu einem wahrhaften Lesevergnügen machen. Was die Figurenbezeichnung betrifft, muss ich dir Recht geben, zumindest was die Eltern vor allem in der Gegenwartsebene betrifft. Man weiß nicht, wer die Fangs unabhängig von ihrer Kunst sind (aber vielleicht gibt es sie auch einfach nicht unabhängig von ihrer Kunst). Die Kinder hingegen finde ich überzeugend gezeichnet, gerade ihre Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und ihr Scheitern im Jetzt, das Bedürfnis und gleichzeitig die Unfähigkeit, sich von ihren Eltern und deren Kunst zu lösen…
    Dass der englische Originaltitel im Vergleich zur Geschichte etwas nüchtern und harmlos anmutet, stimmt natürlich auf den ersten Blick. Trotzdem finde ich ihn dank seiner Doppeldeutigkeit nicht vollkommen unglücklich gewählt. Ich lese den Roman im Original und weiß nicht, inwiefern die Bedeutung von „Fang“ im Deutschen herausgestellt wird: Es gibt doch diese Szene mit dem Familienfoto, für das sie sich alle Fangzähne aufsetzen – auch das also wieder eine Inszenierung; die Familie Fang ist nie einfach nur eine Familie, sondern immer auch ein Kunstwerk, eine Provokation… und eine Peinlichkeit für A und B.
    Wie dem auch sei: ein Mordsspaß! :)

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    1. Mariki Author

      Ich musste jetzt grad schon bei deinem Kommentar grinsen 😉
      Ich dachte mir auch, dass es die Eltern vermutlich unabhängig von ihrer Kunst nicht gibt – das stellt Wilson ja auch immer wieder heraus. Trotzdem fand ich sie ein bisschen blass, aber naja – generell wirklich ein MORDSspaß (töhöö). Findest du das Buch aber nicht auch „typisch amerikanisch“ in dem Sinn, wie sich die Figuren verhalten und wie sie sprechen? Es würde mich interessieren, wie das im Original ist. Ich dachte mir schon öfters: „Bei uns würde niemand so reagieren.“ Aber das ist natürlich schwer festzumachen …
      Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was du zu dem Ende sagst!

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      1. Hm, typisch amerikanisch – weiß ich nicht. Dazu kenne ich die amerikanischen Verhaltensweisen wohl zu wenig. Es ist natürlich alles ziemlich skurril und überzogen, das fängt schon bei der Figurenkonstellation an und hört bei den einzelnen Dialogen auf. Wie gesagt, ob das amerikanisch ist, kann ich nicht beurteilen, aber du hast schon recht, ein deutsches – oder auch französisches oder italienisches – Setting kann man sich für diese Geschichte nur schwerlich vorstellen.
        Hab übrigens noch immer nicht zu Ende gelesen, die Arbeit hält mich in Trab. Ich berichte aber, sobald es so weit ist. Gruß!

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