Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Jonathan Evison: All about Lulu

Von einer Liebe, die nicht sein kann und deshalb umso größer ist
William Miller, der schmächtige Sohn eines Bodybuilders, tut umgeben von den Unmengen Fleisch, die sein Vater und seine Brüder verdrücken, das einzig Logische: Er wird Vegetarier. Als seine Mutter stirbt, rückt Will noch weiter in die Unscheinbarkeit, hört auf zu sprechen und zu wachsen. Doch er findet zu sich selbst zurück, als eines Tages ein bezauberndes Mädchen vor seinem Haus sitzt: Lulu. Sie zieht zusammen mit ihrer Mutter bei ihm ein, und sie wird Wills Stiefschwester, seine große Liebe und sein Untergang. So eng ist die Bindung zwischen Will und Lulu, dass sie eine eigene Sprache erfinden müssen, um ihre Gefühle füreinander zum Ausdruck zu bringen. Doch dann, in jenem Sommer, in dem sie 15 ist, geschieht etwas – und Lulu verändert sich. Sie stößt Will von sich, so weit, dass er fast an seiner plötzlich unerwiderten Liebe erstickt. Mit aller Kraft kämpft Will um Lulus Aufmerksamkeit, er begehrt und hasst sie zugleich. Zwar bemüht er sich um eine Ausbildung, eine Karriere, eine Zukunft, doch sein Herz ruft mit jedem Schlag nach Lulu – und es dauert lange, viel zu lange, bis er endlich die Wahrheit erfährt.

Mit William Miller hat Jonathan Evison einen tragikomischen Alltagshelden geschaffen, dem das Leserherz sofort zufliegt. Weil er umgeben ist von testosterongesteuerten Männern, weil er schwach ist, weil er seine Mutter verliert und weil er sich mit jener Heftiskeit verliebt, die einen mit dem Gesicht unter Wasser drückt, immer wieder. Ganz zu Beginn erinnert Will mich an eine von John Irvings von mir so geliebten jugendlich-schrägen Figuren, doch das ändert sich, als Will aufgrund der Verletzung, die Lulu ihm zufügt, in sich zusammensackt und verbittert wird. Mit ihm gemeinsam krache ich von seiner Wolke auf die Erde, und der Roman verliert an diesem Punkt für mich viel von seiner Zauberhaftigkeit. Denn nun muss ich mit Will der Hässlichkeit einer Liebe, die einen Verzweifelten auffrisst, ins Gesicht schauen. Und das bedeutet einen sehr einsamen, öden und sehnsuchtsvollen Alltag.

Mit seiner Sprache hat Jonathan Evison mich überzeugt. Er ist begabt darin, Cliffhanger zu platzieren, geht sparsam mit Metaphern um und erlaubt es einzelnen Sätzen, aus ihrem Umfeld herauszuleuchten. Mein einziger Kritikpunkt an seinem hochgelobten Roman All about Lulu ist ein inhaltlicher, denn ich bin mit seinem Ende, mit der Auflösung des ganzen Wirrwarrs, nicht unbedingt zufrieden – zu viele Fragen bleiben für mich offen, die ich aus Spoiler-Vermeidungsgründen nicht nennen kann. Es erscheint mir unrealistisch, dass die komplette Familie Will die Tatsachen so lange verschweigt, und ich mag den Seifenopern-Touch nicht, der dann am Schluss alles überzieht. Aber ich mag Will und ich kann der Dramatik und Zwanghaftigkeit, die er an den Tag legt, durchaus etwas abgewinnen, war ich doch selbst einmal ein blind verliebter Teenager, der glaubte, ohne den anderen ginge die Welt unter. Wobei meine Welt wohl nie dermaßen untergegangen ist wie jene von Will.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
eins der schönsten Cover bisher 2012, wenn man das Buch öffnet, sieht man das ganze Gesicht.
… fürs Hirn: ein sehr emotionaler, mutiger, ergreifender Roman, der mich in erster Linie mit Protagonist Will mitleiden lässt. Danz zufrieden ist mein Hirn aber mit des Rätsels Lösung nicht.
… fürs Herz: Liebeskummer! Und zwar sehr großer. Der Schmerz eines Abgewiesenen, der umso mehr liebt, je öfter es ihm verboten wird.
… fürs Gedächtnis: vor allem der Anfang des Buchs, wo alles noch herrlich skurril und zauberhaft ist – bevor der große Crash kommt.

0 Comments

  1. Bei der Inhaltsangabe musste ich kurz an Haratischwilis Sanften Zwilling denken, im Laufe der Rezension hat sich der Eindruck dann verflüchtigt, zumal du selbst den Vergleich nicht gezogen hast, sodass ich annehme, dass er tatsächlich nicht naheliegt.
    Klingt trotzdem schön. Auch wenn mich das, was du über die Auflösung schreibst, etwas abschreckt…

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    1. Mariki Author

      Da hast du recht – denn an den sanften Zwilling kommt All about Lulu nicht heran. Ich versteh dich, mich würde das auch abschrecken ;o) Mir hat das Buch dennoch gefallen, weil es gut geschrieben und der Humor ironisch ist, aber meiner Meinung nach hätte der Autor vor dem Ende noch mal in sich gehen und seine Fantasie aus ihrem Zimmer befreien sollen.

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