Für Gourmets: 5 Sterne

Riikka Pulkkinen: Wahr

„Ich habe dem Mann, den ich liebe, nichts als Zugeständnisse zu bieten. Für ihn habe ich kein einziges Nein“
Elsa stirbt. Als die Ärzte sich vor dem Tod ergeben, kommt Elsa nachhause zu Martti, ihrem Mann, mit dem sie ihr ganzes Leben geteilt hat. Elsa bleiben nur noch Tage, um Abschied zu nehmen von ihrer Familie, die sie nicht verlassen will. „Vom Tod wissen die Lebenden nichts, aber das Sterben, dieses allmähliche Vollziehen, drängt sich deutlich in ihre Tage. Die Zeit verlangsamt sich, und die Wirklichkeit bekommt Wände aus Trauer, innerhalb derer der Sterbende und die Seinen ihre inbrünstigen Rituale vollziehen.“ So ergeht es Elsas Tochter Eleonoora und ihren Enkelinnen Anna und Maria. Eleonoora, selbst Ärztin, stemmt sich der Trauer wütend entgegen, Ehemann Martti dagegen nimmt den Gedanken, Elsa zu verlieren, wie einen Becher bitterer Medizin und trinkt sie Schluck für Schluck. Anna verbringt viel Zeit mit ihrer Großmutter, die zerbrochene, stille Anna, die sich im Studienabschluss verrennt und sich einen Freund gesucht hat, der so weich ist, dass er sie nicht verletzen kann. Denn Anna hat geliebt und verloren. „Doch Annas Trost ist ungeschickt, sie hat nichts als ihre sperrigen Arme, die die Umarmung schon auf halbem Weg verweigern.“ Und trotzdem ist es sie, die selbst nichts erzählt, mit ihrem Gespür für das Ungesagte, die ein fremdes Kleid und damit ein Geheimnis entdeckt. Denn das Kleid gehörte einer Frau, die einst wichtig war für Martti: Eeva.

Ich habe mich nicht auf den ersten Blick in Wahr von Riikka Pulkkinen verliebt. Vielmehr habe ich nach der digitalen Leseprobe entschieden, das Buch nicht zu lesen. Dann aber hat es mir ein aufmerksamer Mensch geschenkt, und wir haben einander über das Regalbrett hinweg immer wieder angeschaut. Eines Tages habe ich ihm spontan doch eine Chance gegeben – und es war um mich geschehen. Plötzlich hat die junge finnische Autorin ihre sperrige, hölzerne und doch so klare Sprache um mich gelegt wie Arme und hat mich so festgehalten, dass ich nicht mehr gehen wollte. Die Geschichte ist denkbar klischeehaft: Eine Frau liegt im Sterben, sie hat eine Karriere gehabt und eine Familie, und ihr Mann hat sie einst betrogen, er war verliebt in eine andere. Aber es ist ebendiese ausgezeichnete, kluge Sprache, die mal hart werden und dann wieder weich sein kann, die dafür sorgt, dass ich mich trotzdem für diese Geschichte interessiere. Alle Sätze sind eingebettet in ein großes Gewebe, das in seiner Gesamtheit funktioniert und keine einzige Lücke aufweist.

Es ist nicht Elsa, die – wie der Klappentext behauptet – ihre Erinnerungen formuliert und ihre Geschichte erzählt. Vielmehr ist Eevas Geschichte einfach da, niemand erzählt sie, sie existiert, weil sie passiert ist. Eeva ist die Stimme aus dem Off. Und sie ist allwissend, sie kennt die Vergangenheit und die Zukunft, sie sagt „Er denkt, dass …“ und „Ich weiß noch nicht, dass …“, und das ist so fremdartig, bizarr und unrealistisch, dass ich es genial finde. Eevas Geschichte ist Annas Geschichte und die Geschichte jeder Frau, die einmal unverhältnismäßig geliebt hat: „Aber sie ist der Überzeugung, dass niemand es sich leisten kann, die Liebe vorbeiziehen zu lassen. So reich kann niemand sein. Und deshalb macht sie ihm die Tür auf“, sagt Eeva. Traurig ist dieser feinsinnige, emotionale Roman, sehr poetisch, wunderschön, süß und bitter. Es geht darin um eine starke Ehe, um zwei Lieben – eine davon aufbrausend wie ein Feuer, die andere wärmend wie eine stete Flamme – und um die wilden 1960er-Jahre, die im abgelegenen Finnland nicht so richtig in Gang gekommen sind, um die Künstlerszene und die Beziehung zwischen Mutter und Tochter.

Wahr von Riikka Pulkkinen ist ein Buch, wie ich es brauche, wie ich es mir wünsche, und deshalb für mich das bisher beste Buch, das ich 2012 gelesen habe. Es ist kraftvoll und zynisch, elegant und melodisch, und viele Sätze darin möchte ich mir in geschwungener Handschrift an die Wand schreiben, um sie als Erstes zu sehen, wenn ich aufwache. Dies ist eine Sprache, in der ich schwimmen und unter Wasser atmen kann, sie ist eine Wolke, auf der ich gehen kann, ich möchte mich zudecken mit dieser Sprache und dann einschlafen, in dem Wissen, dass ich zuhause bin.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
die Farbe des Covers finde ich schön, den Rest mittelmäßig.
… fürs Hirn: das Wissen, dass es so ist, das Leben – dass einem passiert, womit man stets gerechnet hat und das man doch nie erleben wollte, und dass es schließlich viel zu schnell zu Ende geht.
… fürs Herz: jede einzelne der Figuren – Elsa, Martti, Ella, Anna und Eeva – und ganz besonders Eeva, deren Stimme so ätherisch durch das Buch schwebt wie ein kaum wahrnehmbares Geräusch, und deren Geschichte doch das Herz des Romans ist.
… fürs Gedächtnis: mein eigenes pures Leseglück bei jeder einzelnen Seite.

0 Comments

  1. Was für eine Rezension! Was für ein Buch! Ich möchte auch die Liebe auf dem zweiten Blick erleben und danke dir schon jetzt, dass du dem Buch eine zweite Chance gegeben hast.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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    1. Mariki Author

      Ich bin auch froh darüber. Und extrem neugierig auf deine und Dorotas Meinung, solltet ihr das Buch lesen – denn ich weiß nicht, wie es auf andere wirkt, ob jeder so eine persönliche Beziehung zu diesem Roman aufbauen kann und sich darin so wohlfühlt wie ich oder ob er nur in mir eine Saite zum Klingen gebracht hat und die restliche Welt ihn langweilig findet …

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  2. Da ist es also, das bisherige Highlight des Jahres! Schön klingt es, bzw. deine Rezension klingt schön. Das Buch ist mir noch nie vorher begegnet, offensichtlich ein Versäumnis!
    Ich selbst habe dieses Jahr noch kein Buch gelesen, das mich restlos begeistert hat. Astrid Rosenfelds Adams Erbe gefiel mir ausgesprochen gut und auch Zsuzsa Bánks Der Schwimmer, doch volle Punktzahl hat keines von beiden bekommen. Ich bin noch auf der Suche nach dem großen Leseerlebnis.

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    1. Mariki Author

      Ja, das ist es. Das Buch hat supergute Kritiken bekommen, soweit ich weiß. Heißt aber natürlich noch nichts … und ich mochte es ironischerweise anfangs nicht. Aber dann hat es Klick gemacht, wie bei einem Schlüssel, der genau passt. Das war richtig schön. Bestimmt wirst du das heuer auch noch mit einem Buch erleben!

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  3. Ich habe von dem Roman bzw. der Autorin bisher gar nichts mitbekommen. Deine Rezension klingt wie eine Liebesgeschichte zwischen dir und dem Buch, sehr persönlich und eindrucksvoll. Notiert ist das Buch jetzt auf jeden Fall!

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  4. lesesilly

    Liebe Mariki,

    deine Highlights waren bisher für mich immer Highlights. Deshalb habe ich diese Buch gleich bestellt und freue mich schon sehr darauf. Du triffst mit Deiner Bücherauswahl genau meinen Geschmack und bist für mich eine zuverlässige Quelle. Vielen Dank für Deine tollen Beiträge und mach weiter so!

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    1. Mariki Author

      Vielen lieben Dank für die lieben Komplimente! Das ehrt und freut mich sehr, schreibe ich doch hier meistens ins Blaue (das endlose Internet) hinein und weiß gar nicht, wie und ob das alles ankommt. Ich hoffe sehr, dass das Buch und du zueinander findet und dass ihr zueinander passt! Viel Spaß damit und alles Liebe.

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