Netter Versuch: 2 Sterne

Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt

Ein ganzes Leben, erzählt in wenigen Stunden
„Im Grunde genommen ist so ein Foto eine ziemlich armselige Sache. Es vermag nur einen einzigen Moment, von Millionen von Momenten, aus dem Leben eines Menschen oder eines Hauses festzuhalten.“ Ausgehend von diesen kurzen Momenten – 20 Fotos sind es an der Zahl – erzählt Rosamond von ihrem Leben, und sie nimmt alles mit dem Mikrofon auf. Sie möchte der blinden Enkelin ihrer Cousine, Imogen, ein Vermächtnis hinterlassen, möchte ihr erklären, woher sie stammt und wie ihre Wurzeln beschaffen sind. Rosamond hat keinen Kontakt zu Imogen, und so liegt es an ihrer Nichte Gill, die junge Frau ausfindig zu machen. Sie hört sich mit ihren zwei Töchtern die Kassetten an und erfährt vieles über ihre Familie, das sie nicht wusste: dass Imogens Großmutter Beatrix, die Rosamonds Cousine war, eine lieblose Kindheit erlebte und die Gefühlskälte an ihre eigene Tochter Thea weitergab. So entstand ein eisiger Kreislauf, den keine der Frauen durchbrechen konnte und der letztlich zu Imogens Erblindung führte. Es ist längst zu spät für Wiedergutmachung, aber Rosamond erinnert sich und bewahrt die Ereignisse, die redet an gegen den Tod, bevor sie sich ihm ergibt.

Jonathan Coe gilt als begnadeter Erzähler. Sein Buch über drei Generationen von Frauen, die in erster Linie durch Lieblosigkeit verbunden sind, wird dominiert von Rosamonds Monolog. Dieser ist – anders als man beim Wort Monolog erwarten würde – nicht langweilig und öde, aber auch nicht überaus spannend. Das liegt jedoch mehr am Inhalt, der – salopp gesagt – nicht viel hergibt. Rosamond bemüht sich, die Vergangenheit zum Leben zu erwecken, aber die Figuren wirken auf mich müde und blass, und dieser Strudel, in dem die Frauen stecken, die jeweils die nächste Generation mies behandeln, ist in seiner Häufigkeit banal. Was Coes Stil betrifft, so habe ich die ganze Lektüre über das Gefühl, als sei das Buch von einer Frau geschrieben worden. Das stört mich nicht, irritiert mich aber insofern, als ich mir für gewöhnlich wenig Gedanken über das Geschlecht des Autors oder geschlechtsspezifische Schreibe mache. Aber Der Regen, bevor er fällt ist für mich milde Frauenliteratur, die nicht im Gedächtnis haften bleibt und die … den Rest hab ich vergessen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein schönes altes Foto.
… fürs Hirn: die Hartnäckigkeit, mit der sich Lieblosigkeit vererbt.
… fürs Herz: Rosamonds Bestreben, etwas zu hinterlassen, bevor sie geht.
… fürs Gedächtnis: dass das wohl nicht das beste Buch von Jonathan Coe ist.

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