Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Stefan aus dem Siepen: Das Seil

Auf dem Weg ins Ungewisse
Das Dorf liegt am Rande eines Waldes. Das Leben hier ist beschaulich und von jener Härte, die eine Dorfgemeinschaft gemeinsam bewältigen kann. Männer und Frauen tun sich zusammen, zeugen Kinder, bewirtschaften die Felder, wärmen einander in der Nacht. Als kurz vor der nächsten Ernte plötzlich ein Seilende am Waldrand liegt, wundern sich alle. Und bald werden sie neugierig: Wo ist das andere Ende des Seils? Wer hat es hier hingelegt und warum? Voller Abenteuerlust beschließen die Männer, mit Proviant und Gewehren gerüstet, das Rätsel zu lösen. Sie folgen dem Seil, marschieren weiter und weiter in den Wald hinein, ohne an ein Ende zu kommen – und befinden sich auf einmal an einem Punkt, an dem Umkehren unmöglich ist: „Je länger die Männer gingen, desto stärker wurde die Wirkung, die das Seil auf sie übte, jeder war von dem starken und das Herz pochen machenden Gefühl durchdrungen, etwas zu erleben, das in der Geschichte des Dorfes niemals da gewesen war und über alles Verstehbare hinaussschoss.“ Doch was die Männer nicht bedenken, ist, dass die Frauen sie bald tot glauben und dass das Dorf nicht funktionieren kann, wenn die Gemeinschaft nicht mehr besteht …

Stefan aus dem Siepen hat in seinem dritten Roman Das Seil eine denkbar simple Situation geschaffen: Auf dem Boden liegt ein Seil und es hat, so scheint es, kein Ende. Forsch und selbstsicher, wie sie nun mal sind, machen die Männer sich auf, um diese Absonderlichkeit, die nicht geduldet werden kann, aus der Welt zu schaffen. Ihre großen Mäuler werden jedoch immer kleiner, als sich der unendlich wirkende Wald vor ihnen ausbreitet und das Geheul der Wölfe ihnen den Schlaf raubt. Sie sind der Gesellschaft enthoben und können sich verhalten, wie sie wollen, doch sie folgen ihrer innersten Natur und lassen zu, dass einer von ihnen – dessen äußerliche Gestalt das eigentlich unwahrscheinlich machen würde – zu ihrem Anführer wird. Stefan aus dem Siepen porträtiert diese Männer mit wenigen Sätzen, wie ein guter Zeichner mit skizzenhaften Strichen das Wesen eines Gesichts einfängt. Der Draufgänger Michael wird beispielsweise so charakterisiert: „Er liebte rasche Entschlüsse, die nie besonders klug waren, ihm auch häufig Schwierigkeiten einbrachten, dabei aber seiner Fröhlichkeit nicht schadeten.“ In seinem Stil ist der Autor so geradlinig und konsequent wie die Männer, die am Seil entlangmarschieren.

In diesem Buch befinde ich mich – einige Jahrhunderte? – vor der Zeit von Handy und Google Earth, und ich überlege zeitweise schmunzelnd, wie schnell diese Geschichte heute mit ein paar Anrufen oder einem Helikopterflug erledigt wäre. Dadurch wird der Roman nicht nur zu einem Ausflug in den Wald, sondern auch zu einer Reise in eine prädigitalisierte Zeit, in der eigentlich alles aussah wie jetzt und doch vollkommen anders war. Denn schon eine simple SMS hätte die zuhause ausharrenden Frauen erlöst, selbst wenn sie – typisch männlich – nur zum Inhalt gehabt hätte: „Geht uns gut. Kommen bald.“ Aber nein, jegliches Mittel zur Kommunikation fehlt, und so sind die Männer auf ihrem bizarren Abenteuer auf sich gestellt. Sie sind ausgezogen, um das Chaos zu beseitigen, sie können nicht zurück, ehe ihre Mission erfüllt ist – und es ist nur logisch, dass sie auf ihrer Suche noch mehr Chaos finden. Wunderbar ironisch und zugleich bitterböse ist diese absurde Geschichte, die eine unheimliche Sogwirkung auf mich ausübt. Eineinhalb Stunden lang war ich nicht im Flug München–Kopenhagen, sondern in einem mittelalterlichen Wald mit ungewaschenen, aufgeregten, kurz vor der Explosion stehenden Männern, und diese Stunden haben sich zu Tagen gedehnt, in denen wir nur marschiert sind. Und was wir am Ende gefunden haben – das würdet ihr mir nie glauben …

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sehr gelungenes Cover, das die unheimliche Stimmung perfekt in ein Bild umsetzt.
… fürs Hirn: die Frage – wenn ich jetzt umdrehe, wie weit wäre es noch gewesen bis zum Ziel?
… fürs Herz: der Kummer der bangenden Frauen.
… fürs Gedächtnis: die geniale Idee, auf der diese Parabel beruht.

Das Seil von Stefan aus dem Siepen ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-24920-1, 180 Seiten, 14,90 Euro).

0 Comments

  1. Die Story wirkt eigentlich völlig einfach und fast schon albern in ihrer Einfachheit, und doch scheint sie genial zu sein, übt einen ungeheuren Sog aus. Auch ich will unbedingt wissen, was am Ende des Seils ist (dabei bin ich mit Spannungsmomenten eigentlich nicht zu ködern), und habe nicht die geringste Ahnung, auf was ich mich einstellen muss. Wird gelesen!

    PS: War das Buch dein bisheriges Highlight des Jahres? Falls ja, wieso nur 3/5?

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    1. Mariki Author

      Da ticken wir ähnlich! Suspense ist nicht so meins … aber diese Idee hat mich fasziniert. Und sie ist auch sehr amüsant und klug umgesetzt! Mein Buch des Jahres ist es aber nicht. Die drei Punkte sind allerdings ein Klickfehler gewesen, ich wollte eigentlich vier geben, hoppala!

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  2. Oh, bitte bitte, nur ein ganz kleiner Tipp, wie es ausgeht, ja? 😉 Nein, ist schon gut so, danke für deine Rezension, jetzt bin ich erst recht neugierig! Außerdem: das Cover ist wirklich sehr sehr toll!

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  3. Mir kamen die selben Gedanken beim Lesen des Buches: Wie es wohl heute wäre, im Zeitalter von Handy etc. Mich hat das Buch gefesselt, das man in ganz kurzer Zeit durch hat, was mich aber wohl noch länger beschäftigen wird.

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