Gut und sättigend: 3 Sterne

Elias Wagner: Vom Liebesleben der Mondvögel

Ein hochpubertärer Sommer
Max ist 15. Und das an sich wäre ja eigentlich schon schlimm genug. Aber in jenem Sommer, in dem sein Vater anfängt, die Bilder von Max‘ verschwundener Mutter schwarz zu übermalen, bringt die Hitze auch das Blut von Max‘ bestem – und einzigem – Freund Jacob in Wallung, er verliebt sich in die Klassenschönheit. Und Max bleibt außen vor, weil die Pubertät ihn bisher übergangen hat, weil er kein Interesse an Partys hat und weil er einsam ist. Sein Vater verhält sich geheimnisvoll, der Großvater lebt im Altersheim und redet nur übers Wetter, und so bleibt Max niemand, mit dem er über seine Sorgen und Ängste sprechen könnte. Am liebsten vergräbt er sich in einem Buch über Insekten: „Wunderbare Insekten übte eine magische Macht auf mich aus. Wenn ich darin las, zum Beispiel das herrliche Kapitel über die Evolution der Insekten (>Grüße aus dem Paläozoikum<), vergaß ich alles, die Tristesse des Sommers, meinen Vater und den Psychofritzen, die Unterzucker-Aktion von Vanessa Weinhold, den Mappenwahn, einfach alles. Auch mich selbst." Aber noch bevor er zu Ende geht, hält der Sommer eine Überraschung für Max bereit: Er lernt ein Mädchen aus Wien kennen, das hübsch ist und klug und das sich für sein angesammeltes Wissen interessiert. Und dann ist sie plötzlich voll da, die Pubertät …

Elias Wagner erzählt in Vom Liebesleben der Mondvögel die Geschichte eines Teenagers, der mit seinen widersprüchlichen Gefühlen kämpft: Einerseits will er dazugehören, andererseits etwas Besonderes sein, seine Mutter fehlt ihm, aber darüber reden kann er nicht. Max selbst berichtet in der Ich-Form, und Elias Wagner, hat sich viel Mühe gegeben, die authentische Perspektive eines Fünfzehnjährigen zu schaffen. Ich denke, dass ihm das durchaus gelungen ist – denn ich habe den ganzen Roman über das Gefühl, ein Jugendbuch zu lesen. Das stört mich anfangs gar nicht, weil ich im Gegensatz zu vielen Blogger-Kollegen nie Jugendromane zur Hand nehme und durchaus offen für Abwechslung bin, doch nach einer Weile fällt mir auf, warum ich dieses Genre – dem Vom Liebesleben der Mondvögel offiziell gar nicht angehört – meide: Ich bin der Welt, die dieser Roman beschreibt, entwachsen. Ich kann mich erinnern, ich weiß, wie es war, so unerfahren und hilflos zu sein, den eigenen Gefühlen ohne Kontrolle ausgeliefert. Aber jetzt, da ich bald – oh Schreck – doppelt so viele Jahre zählen werde wie Max, scheinen mir all seine Probleme gegenstandslos, mit Ausnahme des Verlusts seiner Mutter. Elias Wagner hat sich dennoch meine Gunst erschrieben – mit einer ausgezeichneten, klangvollen, ernsten Sprache. Sehr erwachsen ist sein Ton, was das Buch für mich persönlich gerettet hat – mich aber gleichzeitig vor die nächste Schwierigkeit stellt: Für einen 15-Jährigen drückt Max sich übermäßig gewählt aus. Man spürt und hört und sieht den erwachsenen Autor hinter jedem Satz, weshalb Max zwar klingt wie ein Jugendlicher, aber wie ein sehr altkluger. Das lässt sich vielleicht durch sein Interesse für Naturwissenschaften erklären, aber nur bedingt, denn der große Nerd, als der er dargestellt werden soll, ist er in meinen Augen gar nicht; und er schreibt auch keine guten Noten, eine Intelligenzbestie verbirgt sich also nicht in ihm. Deshalb irritiert es mich, wenn er nie jemanden ansieht, sondern immer „auf die Foeva centralis“ einstellt, „den Ort des schärfsten Sehens“, oder wenn seine „renitalen Zapfen“ ihre „Probleme“ bekommen, während er sich „ins Halbdunkel eines Waldes tastet“. Das alles wirkt auf mich ein wenig aufgesetzt und krampfig. Schön sind aber die schlauen Vergleiche der Menschen mit Insekten und die abgebildeten Käferlein im Layout.

In einem Textseminar habe ich einst gelernt, dass man sich von Sätzen, in die man sehr verliebt ist, meistens trennen sollte. In Vom Liebesleben der Mondvögel meine ich einige Sätze entdeckt zu haben, von denen ich glaube, dass Elias Wagner vielleicht ein bisschen zu sehr verliebt in sie ist. Einzig im Kapitel, in dem jeder Satz mit „Es war“ beginnt, kann ich diese Verliebtheit nachvollziehen: Da erwischt sie mich auch. Was bleibt, ist eine sehr wohl lesenswerte, düster-traurige, anmutige Geschichte über einen jungen Menschen, der viel sucht und zumindest ein bisschen was findet, eine Geschichte, die mich zurückwirft in eine Zeit, in der alles dramatisch und mein Herz ein Pingbongball war.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein schöner Hingucker und themaptisch passend.
… fürs Hirn: der Gedanke: Gott sei Dank werde ich nie wieder 15 sein!
… fürs Herz: Max und seine Tapferkeit, wie er mit dem Verlust der Mutter und dem Schmerz des Vaters umgeht. Sehr anrührend!
… fürs Gedächtnis: das „Es war“-Kapitel.

Vom Liebesleben der Mondvögel von Elias Wagner ist erschienen bei Hoffmann & Campe (ISBN 978-3-455-40356-5, 240 Seiten, 19,99 Euro).

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