Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

John Burnside: In hellen Sommernächten

Summer of Drowning
Im hohen Norden ist das Licht entweder immer da oder nie. Hier lebt die 18-jährige Liv mit ihrer Mutter auf der kleinen norwegischen Insel Kvaløya, die Mutter ist eine talentierte und bekannte Malerin aus Oslo, die in den Medien als Einsiedlerin gilt. Einen Vater gibt es in Livs neben nicht – obwohl er plötzlich auftaucht wie eine Randnotiz, die ihre Aufmerksamkeit fordert –, aber eine Vaterfigur: den alten Kyrre Opedahl. Er ist der einzige Nachbar und ein begabter Geschichtenerzähler. In dem Sommer nach Livs Schulabschluss gibt es auch allerhand, worüber er etwas erzählen kann: Innerhalb von 10 Tagen ertrinken Mats und Harald Sigfridsson im Malangenfjord in einem ruhigen, stillen Meer, „viel zu gleichgültig, um sich für sie zu interessieren“. Kyrre zufolge hat die Huldra sie geholt, ein Fabelwesen aus einer anderen Zeit, das vielleicht ein Mensch sein könnte, und das Liv in ihrer Schulkollegin Maia zu erkennen meint, „ein wildes Mädchen mit in die Haut geätzten Traummustern und fahlen, düsteren Tieren, ein Geschöpf, das die Furcht und damit auch jede Hoffnung auf Erlösung hinter sich gelassen hatte“. Liv spürt eine unerklärliche Angst vor Maia, die vor deren Tod mit den Brüdern Sigfridsson unterwegs war, sie sieht eine dunkle Seite in Maia, fühlt sich angezogen und abgestoßen und macht sich Sorgen, als Maia an der Seite von Martin Crosbie auftaucht, dem Sommergast von Kyrre. „In früherer Zeit gab es Menschen, die zum Horizont gehörten – Kyrre hatte mir davon erzählt –, und da sie besser als alle Menschen sehen konnten, machte man sie zu Beobachtern; ruhige, gedankenverlorene Wachposten, die wussten, was kommen würde, dessen Bedeutung aber nie ganz begriffen; Himmelsbeobachter, die über Sternbilder berichteten, sie aber nie zu deuten wussten. Martin Crosbie war einer von diesen Menschen.“ Da er nirgends hingehört, befindet er sich in Gefahr. Und während die Midnattsol das Land in ihr weißes Licht taucht, nehmen Ereignisse ihren Lauf, die ebenso mystisch sind wie das Himmelsphänomen.

Der schottische Autor John Burnside ist mehrfach ausgezeichnet für sein Werk – und mit In hellen Sommernächten zum ersten Mal im Bücherwurmlochmagen verschwunden. Der Vorschautext hat mir eine magische, rätselhafte, spannende Geschichte versprochen, in der die Grenzen zur Realität verschwimmen, und genau das habe ich bekommen. Allerdings liegt der Fokus viel stärker auf der Hauptfigur Liv, als der Klappentext ahnen lässt, die Ertrunkenen selbst werden dabei komplett außer Acht gelassen. Diese 18-jährige Protagonistin ist viel mehr Einzelgängerin als ihre Mutter, von der man es behauptet, sie hat keine Freunde und hält sich fern von der Liebe. Ihre Beziehung zur Mutter ist notgedrungen eng, einen Vater gab es nie, sie sind symbiotisch zusammengewachsen. Die Mutter ist eine ruhige, abwesende, stets im Atelier in die Malerei versunkene Person, fehlerfrei und engelsgleich in Livs Augen, über jeden unfreundlichen Gedanken erhaben, dabei doch eigentlich so lieblos. Der Vater ist der Erzeuger, dem Liv sich nicht stellen möchte, aber muss. Einzig für den alten Kyrre empfindet Liv noch etwas, sonst geht sie auf Distanz zu den Menschen. „Verschlungen mag ich nicht. Ich mag’s unberührt. Es gibt zu viel Berührung auf der Welt. Zu viel Verschlungenheit.“ Liv steckt fest, wie 18-Jährige eben feststecken in jener Zwischenzeit, in der sie nicht zurück in die Schule wollen, aber nicht wissen, wohin es vorwärts gehen soll. Und in diesem Sommer, in dem das Licht nie ausgeht, verschwinden – sozusagen in heller Nacht – Menschen, werden vom Meer verschluckt oder lassen sich, man weiß es nicht, freiwillig verschlucken, und Liv kann ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen.

John Burnside entführt mich an einen Ort, an dem sommers die Sonne nicht untergeht, an dem Trolle leben und eine ebenso verführerische wie gefährliche Huldra, die eine Idee sein mag, ein vergilbter Mythos oder ein schönes Mädchen, das Männer auf die offene See lockt. An diesem befremdlichen Ort geschehen merkwürdige Dinge, die, da sie nicht erklärbar sind, hingenommen werden, von den Beteiligten ebenso wie von mir, sie gehören zu jenen unwirklichen Ereignissen, die man nicht verstehen kann und muss. In hellen Sommernächten ist kein Thriller, kein Krimi, kein Gruselschocker – und trotzdem so unheimlich wie leise Schritte vor der Schlafzimmertür, wenn man allein im Bett liegt und niemand im Haus ist. Sehr stilvoll ist die Gänsehaut gekleidet, die diesen Roman überzieht, von bemerkenswerter Eloquenz. Trotz der Verweise auf die alten Sagen Norwegens ist das Buch sehr modern, und obwohl es so modern ist, lässt der Autor Merkwürdigkeiten auftreten, die nicht rational sind, nicht messbar mit Maschinen, nicht einzufangen in eine SMS. Wunderbar gemacht und wunderbar zu lesen!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
die Schrift auf den Burnside-Covern gleicht sich, die Buchfarbe unter dem Umschlag ist meine Lieblingsfarbe.
… fürs Hirn: man muss sich auf die Stimmung, die Atmosphäre einlassen. Fur meinen Geschmack gibt es allerdings doch ein bisschen wenig Lösungen.
… fürs Herz: Liebesgeschichte exklusive.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Glück ist ein Geheimnis, es ist still, persönlich und jenseits aller Worte. Man kann es nicht beschreiben, und entgegen anders lautender Behauptungen kann es auch nicht geteilt werden. Sieht man zwei Menschen, die zusammen glücklich sind, weiß man, dass jeder für sich das Glück mitgebracht hat.“

In hellen Sommernächten von John Burnside ist erschienen im Knaus Verlag (ISBN 978-3-8135-0460-6, 384 Seiten, 19,99 Euro).

0 Comments

  1. Danke für diese tolle Rezension, das Buch liegt hier bereits und wartet begierig darauf, gelesen zu werden. Letztes Jahr habe ich von Burnside „Lügen über meinen Vater“ gelesen, das mich sehr begeistert hat und noch lange nachgewirkt hat. Auf „In hellen Sommernächten“ bin ich schon sehr gespannt, auch wenn ich es mir wohl nicht gekauft hätte, wenn es nicht von John Burnside wäre, da der Inhalt auf den ersten Blick ein bisschen phantastisch klingt …

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    1. Mariki Author

      „Lügen über meinen Vater“ war ja mehr autobiografisch, soweit ich weiß, oder? Der Inhalt von „In hellen Sommernächten“ klingt tatsächlich ein wenig fantastisch, aber merkwürdigerweise ist er das dann gar nicht. Oder doch. Aber irgendwie auch so abgeklärt – dass man gar nicht weiß, wem man jetzt eigentlich was glauben soll. Schließlich erzählt ja genau die Person, die sich selbst nicht traut, die Geschichte … Ich bin gespannt, wie du das Buch findest!

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  2. ich habe zwei bücher von burnside bei mir im blog besprochen, beides keine leichte kost und – wie du auch schreibst – leicht mystisch angehaucht. seine bücher bieten viel platz für eigene interpretationen. deine besprechung macht jedenfalls appetit, mir mal wieder ein buch von ihm vor die nase zu klemmen!

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