Für Gourmets: 5 Sterne

Sibylle Knauss: Fremdling

Ein unmenschliches Experiment als genetische Zeitreise
Sie war Anthropologin, und sie würde über die dunklen Anfänge der Menschheit, ihre Geschichte vor jeder Geschichte, mehr erfahren, als irgendjemand vor ihr jemals gewusst hatte.“ Doch was Maria dann erfährt, ist eigentlich zu viel Wissen, zu viel davon am eigenen Leib: Sie ist schwanger mit einem Neandertaler. Professor Tim Nagel, ihr Liebhaber, hat ihr die DNA eines Menschen einpflanzen lassen, dessen Zeit seit 30.000 Jahren zu Ende ist: „Die Nabelschnur, an der er sich vertrauensvoll festhielt, verband nicht nur ihn und sie, sondern einen Zeitraum von fast dreißigtausend Jahren, die seit dem Ende seiner Art vergangen waren.“ Der Mutterinstinkt bringt Maria dazu, am Tag der geplanten Abtreibung zu fliehen, mit einem Wohnmobil, das Baby bringt sie in Rumänien auf der Welt. Dann ist es da, ein unfassbar hässliches Kind, dessen Geruch sie kaum ertragen kann und für das sie sich doch verantwortlich fühlt. Gelb-rötliche Augen hat es und eine vorspringende Stirn, einen gedrungenen Körper und viel Kraft. Sie nennt es Jo und versteckt sich mit ihm an einem sehr ursprünglichen Ort in den kroatischen Bergen, der der Welt, wie er sie kannte, vielleicht noch ein bisschen ähnlich ist. Doch die moderne Gesellschaft mischt sich in Form von besserwisserischem Jugendamt und strengen Nonnen ein – und Jo verschwindet. Doch seine Geschichte ist damit nicht zu Ende, viel zu wertvoll ist er für die ruhmsüchtigen Wissenschaftler: Sie machen Jagd auf ihn …

Wie waren sie wirklich, die von jener Art, die unserer voranging? Zu wenig wissen wir, nur Skelette und Fragen sind uns geblieben, die wir ihnen niemals stellen können. Bestsellerautorin Sibylle Knauss, die mit Preisen bedacht und deren Roman Evas Cousine 2002 von der NYT unter die „Books of the Year“ gewählt wurde, erweckt in Fremdling einen von ihnen zum Leben: Sie versetzt einen Neandertaler in unsere Welt. Seine Fremdheit ist anders als jene von Migranten, sie ist vollständiger, endgültiger, denn auf dem ganzen Planeten gibt es niemanden, der ist wie er. Sibylle Knauss‘ Fremdling ist stark und erfüllt von einem alten Jagdinstinkt, aber gutmütig und ausgestattet mit einem tiefen Verständnis für die Natur. Er kommuniziert mit den Anderen, den Verstorbenen, und mit Tieren – sogar eine Tigerin schenkt ihm ihre Seele: „Jede Katze beherrscht diese Sprache und drückt sich in ihr aus, indem sie einen Platz belegt, ihren Körper ausrichtet, ihren Blick fokussiert oder verschleiert oder ganz hinter die Lider nimmt. Sie spricht mit ihrer Muskulatur, dem Grad ihrer Anspannung oder Entspannung. Sie drückt darin alles aus, jede Abstufung von Verachtung, Aufmerksamkeit, Missfallen oder Wohlwollen. Er antwortete ihr auf dieselbe Art.“ Unter großer Anstrengung erlernt Jo unsere heutige menschliche Sprache, aber sein Mundraum ist nicht gemacht für die Laute, niemand versteht ihn, man hält ihn für einen Behinderten von extrem abstoßendem Äußeren. Er ist das Ergebnis eines illegalen, unethischen Experiments, die Antwort auf die Frage, wie weit Forschung gehen darf.

Sybille Knauss moralisiert nicht lange herum, sie erzählt eine packende, mystische, sehr traurige und sehr kluge Geschichte, die nichts mit Fantasy zu tun hat, wie der Inhalt vielleicht vermuten lassen könnte. Dazu ist die Sprache zu gut, zu niveauvoll und elegant, ein Wunderwerk ist diese Sprache, eine Perle jeder Satz: „Einer dieser törichten Sätze zwischen Liebenden in Momenten, die unwiederholbar sind. Sätze, die sich wie von selbst sprechen, ohne Absicht und Gedanken, die vorausgehen, und die nichts anderes als die Höhe des Seils angeben, auf dem man gerade tanzt.“ Sehr hoch ist das Seil, auf dem der Stil dieser talentierten Schriftstellerin tanzt, höher, als viele andere Romane reichen. Ich bin berauscht von ihrer flirrenden, dichten Sprache, von der geheimnisvollen Back-to-the-roots-Atmosphäre, und folge Jos Schicksal atemlos. Denn ich kann nicht anders, als ihn ins Herz zu schließen, ihn beschützen zu wollen in einer grausamen Welt, die nicht die seine ist. So geht es auch Maria, und es verleiht der Geschichte Glaubwürdigkeit, dass sie als Mutter Gefühle hat, aber keine verkitschte Liebe empfindet. Sensationell sind die vielen Wendungen, die mich bis zum Ende des Buchs – einem ganz unerwarteten und halbtraurigen Ende – anspringen. Dieser Roman ist eine Reise ins Außergewöhnliche, eine Reise in eine Welt aus Schnee und Eis, in die Steinzeit. Souverän zeigt Sibylle Knauss, für wie intelligent wir uns halten und wie dumm wir eigentlich sind. Im Sinn der Evolution ist es logisch, dass unsere Spezies überlebt hat, doch für den Planeten Erde war es eine Katastrophe. Geschickt umschifft sie dabei die glitschigen Steine der Klischees und einer allzu verhaspelten Ethik und präsentiert informatives Wissen über die Neandertaler auf die lebendigstmögliche Art. „Gab es jetzt und hier vielleicht die Chance auf Wiedergutmachung?“, fragt sie. „Seine Existenz in der Gegenwart, war das der Anfang der Wende, auf die die Welt seit mehr als einem halben Jahrhundert hoffte, die Abkehr von der Zerstörung der Lebensgrundlagen, die unser Überleben als Spezies in Frage stellt?“ Nein, muss die Antwort natürlich lauten. Ein grandioses Buch!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sprichwörtlicher eyecatcher.
… fürs Hirn: da gibt es viel nachzudenken! Wozu berechtigt uns die Neugier? Wo liegen die Grenzen im Umgang mit genetischem Material? Sie sind längst dehnbar geworden, diese Grenzen, und haben Löcher. Herrlich ist, wie Sibylle Knauss die Wissenschaftler porträtiert, die geil sind auf Berühmtheit, eigentlich aber nur mit Knochen hantieren können und nicht mit echten Menschen.
… fürs Herz: Jo und seine Verzweiflung, seine Andersartigkeit, sein Fehl-am-Platz-Sein.
… fürs Gedächtnis: da ich mich nicht entscheiden kann, gibt es dieses Mal gleich zwei Lieblingszitate: „Ist nicht mehr modern rauchen, sagte der alte Mann. Wollen Menschen lange leben. Aber kann Leben so traurig sein.“
„Wissen Sie, wenn man ein Kind in die Welt gesetzt hat, dann hält man es nicht gut aus, dass das so ein Scheißort zum Leben ist.“

Fremdling von Sibylle Knauss ist erschienen bei Hoffmann & Campe (ISBN 978-3-455-40358-9, 384 Seiten, 22,99 Euro).

0 Comments

  1. ilsebilse

    Ich hatte das Buch letztens bei Thalia in der Hand, aber der Klappentext hat mich nicht so gefesselt. Nach deiner Rezension denke ich mir aber, dass ich es doch häte kaufen sollen! Klingt sehr spannend und ich mag gerne außergewöhnliche Geschichten. LG, Ilse

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  2. Mariki Author

    Liebe Ilse,
    ich kann dir das Buch wirklich empfehlen! Für mich war es die bisher größte Überraschung des Jahres. Ich wünsch dir viel Spaß und Spannung damit!

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