Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Matthias Steinbeis: Pascolini

Knallharte Gangster in Lederhosen
Matthias Pascolini, der „bayerische Hiasl“, ist der Nationalheld von Ettengrub. Das liegt vor allem an der verherrlichenden Biografie, die Freiherr von Ergoldsbach über ihn geschrieben hat. Camilla Friedmann weiß es allerdings besser. Sie ist eine erfolgreiche Anwältin und denkt nur noch selten an ihre Verwurzelung in Ettengrub. Denn dort ist viel passiert rund um die wilde Gang von Hias, den Habererbund, die bayerische Partikularismusbewegung und den blühenden Handel mit Kokain – und das, was passiert ist, hat Camilla um ihre Familie gebracht. Sie war ein Teenager, als sie dem berüchtigten Hiasl begegnete, und sie erzählt eine andere Geschichte als der träumerische Freiherr: Sie berichtet, wie Pascolini mit 19 Jahren anfing, Zigaretten, Alkohol und weißes Pulver über die Tiroler Grenze zu schmuggeln, wie er sich durch einen Mord zum Chef der Schmugglerbande machte und später durch eine List vor der Polizei rettete, sie schildert die Jagd auf ihn und die Kämpfe, die Protestanten und Katholiken miteinander ausfochten. Beschaulich ist in ihrer Erzählung nur die schöne Bergkulisse, vor der die Lederhosen-Buam rauben, morden und Drogensüchtige mit Stoff versorgen. Camilla hatte eine heimelige Kindheit auf dem Land – und das verfolgt sie bis heute.

Pascolini von Matthias Steinbeis ist ein wildes, amüsantes, sehr originelles und elegantes Buch, das ein etwas anderes Bild vom idyllischen Bayern entwirft: Jähzornig sind die Menschen und einander spinnefeind, bei Gelegenheit schlagen sie dem anderen den Schädel rein. Gestandene Mannsbilder sind sie, allen voran Matthias Pascolini, der wie ein Wild-West-Cowboy in bayerischer Tracht auftritt. Verwegen, mutig und draufgängerisch sind sie, die Bayern, und sie gehen über Leichen. Ein Jauchefass voll stinkendem Spott ergießt Matthias Steinbeis über Traditionsfanatikern und Touristen-in-den-Hintern-Kriecher, über heuchlerischen Politikern und wahrheitsverdrehenden Biografen. Er hat sich eine dermaßen absurde und komische Geschichte ausgedacht, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Und er bedient sich einer Sprache, die ich zum Erzählen einer solch anekdotenreichen, extrem sarkastischen Handlung nie vermutet hätte: Wohltemperiert ist sie, melodisch, eloquent, gespickt mit herrlich feinen Metaphern: „Die Mädchen staken in Miederkleidern in benzinpfüzenhaft schillernden Himmelblau mit erdbeerrosa Schürzen und trugen eine höchst sonderbare grüne Kopfbedeckung, geformt wie ein Katzenfressnapf und den Ettengruber Mädchen bei Besuchen außerorts ein Quell beständiger Pein, aber unglückseligerweise auf alten kolorierten Stichen des Münchner Staatsarchivs wiedergegeben und deshalb von Kurt Duftinger mit brutaler Autorität durchgesetzt.“ Berauschend ist diese Sprache, und während ich – passend zum Thema – Bier erwartet habe, prickelt sie wie Champagner: „Nie sah ein bayerisches Mannsbild prächtiger aus als Kurt Duftinger in seiner Feiertagstracht: genageltes Schuhwerk, graugestrickte Wadenstrümpfe, zwei nackte Knie, bucklig und leicht gerötet, der Saum der schwarzen Lederhose, seitlich mit grasgrünem Seidenband verschnürt und mit gleichfarbiger Eichenlaubstickerei appliziert, die Hose nach oben hin stark in die Breite geschnitten wie ein Blumentopf, um den mächtigen aufwölbenden Leib aufzunehmen, und vorne mit einem ebenfalls reich bestickten Hosenlatz versehen, in dem eingehakt Duftingers linker Daumen seine Ruhestätte fand.“ Alle Achtung! Oder, wie die Bayern sagen: sauber. Dieser Roman ist wie ein Wanderausflug: beschwingt und heiter, aber auch voller Abgründe. Ich-Erzählerin Camilla blickt zurück in die Vergangenheit, greift dabei aber immer wieder vor und heizt die Neugier an: „Bogenschütz war noch nicht so fett wie später auf den Fahndungsplakaten“, heißt es beispielsweise. Ein Manko ist, dass das Buch im letzten Drittel deutlich schwächer wird und am Ende ein paar Fragen offen bleiben, das hätte Steinbeis meines Erachtens besser lösen können. Interessant sind dagegen die historischen Fakten, die er eingebaut hat und die bewirken, dass der Roman authentisch wirkt und man nach seiner Lektüre tatsächlich belesener ist. Dass ich selbst in einer ländlichen Gegend von Österreich aufgewachsen bin und mein Elternhaus in Fußwegdistanz zu Bayern liegt, führt dazu, dass mir das Buch gleich sieben Mal so viel Spaß macht. Auch über die Dürrnberger Grenze wurde früher viel geschmuggelt – aber nicht so viel gemordet wie in Ettengrub. Empfohlen sei Pascolini allen, die einen persönlichen Bezug als Einheimische zum Dorfleben haben, denen, die gern in Bayern urlauben, und allen, die sich einfach nur amüsieren wollen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
die Farbkombination ist krass grell, der Hirsch logisch.
… fürs Hirn: wissenswerte Infos über Bayerns Geschichte.
… fürs Herz: am ehesten noch Camillas Familiendrama, aber eigentlich geht der Roman mehr an die Lach- als an die Herzmuskeln.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Österreich und Bayern sind sich ähnlich, ohne dass man genau sagen könnte, warum. In den letzten tausend Jahren haben die beiden Länder einander permanent mit Krieg, Elend und Brandschatzung überzogen, haben sich wechselseitig ihre nationalen Opfermythen gestiftet – mit der Sendlinger Mordweihnacht die einen den anderen und mit Andreas Hofers Heugabelguerilla die anderen den einen – , und erst als es gegen Preußen und ein noch gar nicht existierendes Gebilde namens Deutschland ging, kämpften sie Seite an Seite und verloren, woraufhin die einen begannen, die Deutschen als die anderen zu definieren, und die anderen nicht.“

0 Comments

  1. Sauber! So was brauch ich auch mal wieder. Ich hab gerade noch mal geschaut, wie Du den Rammstedt (Der Kaiser von China) bewertet hast, denn den fand ich auch irgendwie absurd und komisch – und gegen Ende etwas abbauend. Wobei Du hier ja richtig begeistert bist, was in Deiner Rezension sehr schön rüberkommt. Super Tipp, von dem Buch hatte ich noch nichts gehört!

    PS: Wenn ich an bayerischen Humor denke, dann kommt mir immer der Gerhard Polt mit Gisela Schneeberger in den Sinn (z.B. hier:
    http://youtu.be/9OcuxYlOdGY). Aus Österreich mag ich den Josef Hader (der einzige Name, der mir gerade einfällt).

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    1. Mariki Author

      Ich muss gestehen, an den Kaiser erinnere ich mich kaum – hat keinen sehr bleibenden Eindruck hinterlassen 😉

      Ich bin ein großer Fan von Josef Hader! Herrlich. Mit ihm wurden ja die Brenner-Krimis von Wolf Haas verfilmt – genial. Das ist total meins, dieser fiese, trockene Humor.

      Das mochte ich auch an Pascolini, das Hinterfotzige, das ja eigentlich auch gut zum Bayerischen/Österreichischen passt. Und dann gleichzeitig diese extrem exaltierte, verdrehte Sprache, das war echt raffiniert. Ich hoffe, du wirst ebenfalls Spaß mit dem Buch haben!

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