Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Irena Brežná: Die undankbare Fremde

„Es ist unmöglich, auf Dauer dankbar zu sein“
Als Mädchen kommt sie in die Schweiz, das gelobte Land für Flüchtlinge, sauber, schön und meinungsfrei, „bei uns hast du es gut“, bekommt sie oft zu hören. Aber so gut findet sie es nicht unter den Menschen, die fremd sind und in ihr nur die Fremde sehen: „Ich war nicht auf ihre Art anders, ich war ein Gast vom Mond. Bei uns war alles durchlässig, die Türen der öffentlichen Toiletten ließen sich nicht schließen, wir waren nämlich ein einziger unteilbarer Körper. Und ich wurde von diesem Körper wegamputiert.“ Bei der Gegenüberstellung der alten Heimat, der sie entflohen ist, und der neuen Bleibe, in der sie stets um Akzeptanz flehen muss, offenbaren sich unüberbrückbare Differenzen: „Ich blieb störrisch und weigerte mich, in der Zwangsehe mit meinem Gastland glücklich zu werden.“ Zu steif sind die Schweizer, zu distanziert, zu pünktlich und zu organisiert. Sie halten sich für Gutmenschen, obwohl sie nicht tolerant sind, erwarten Assimilation, obwohl sie Ausländer stets als solche stigmatisieren. Und so bleibt sie ganz bewusst eine undankbare Fremde, umgibt sich mit ihrer Andersartigkeit wie mit Chitin, behält ihren anstößigen Humor und ihre Bissigkeit – und findet in den Sprachen ein Wasser, in dem sie schwimmen kann. Sie wird Dolmetscherin und hilft in Krisenfällen, wenn Flüchtlinge und Einheimische vor Sprachbarrieren stehen, übersetzt in Krankenhäusern oder der Psychiatrie und wird mit tragisch-traurigen, alltäglich-schrecklichen Immigrantenschicksalen konfrontiert: „Als sprachlicher Notdienst kurve ich in Sprachen wie in verwinkelten Gassen herum, berühre den einen oder anderen Arm und schaue in viele Augen. Aufwühlende Fahrten sind das.“ Sie passen zu ihrem aufmüpfigen Naturell und bieten ihr eine neue Art von Heimat: in einem sicheren Land zu leben und jederzeit Zuflucht zu finden im Hafen der Sprachen.

18 Jahre war Irena Brežná alt, als sie 1968 von der Tschechoslowakei in die Schweiz emigrierte. Sie machte sich als Journalistin einen Namen und legt mit Die undankbare Fremde ihren zweiten Roman vor. In jeder Zeile spürt man, dass die Autorin weiß, wie es sich anfühlt, zu stranden in einem Land, in dem man eigentlich nicht sein will und in dem man keinen Anker findet. Ihre Ich-Erzählerin ist jung und abenteuerlustig, es dürstet sie nach Liebe und Geheimnissen, doch sie knallt gegen die Pedanterie und Ordnungsliebe der Schweizer – die in diesem Fall austauschbar sind mit Österreichern und Deutschen – wie gegen eine Granitplatte. Sie soll nicht so bleiben dürfen, wie sie ist, aber so zu werden wie die Einheimischen, ist nicht möglich – und ebenfalls unerwünscht. Welche Art von Integration kann es geben? Wie lässt sich das Zusammenleben von so unterschiedlichen Kulturen gestalten? Das sind die Fragen, denen die Autorin nachgeht. Die undankbare Fremde ist eine intensive, gehaltvolle Auseinandersetzung mit dem Gefühl des Fremdseins, eine Aneinanderreihung von Gedanken und Begebenheiten. Eine Romanhandlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht, vielmehr wird ein schillernder Reigen an eingefangenen Situationen präsentiert, es entsteht ein Mosaik, das begreifbar machen soll, wie zersplittert ein solches Leben dern der Heimat ist, dass es aus 7000 Scherben besteht, die in der Sonne funkeln.

Herausragend ist die Sprache, die Irena Brežná als Werkzeug benutzt, um die Welt so zu beschreiben, wie ihre Ich-Erzählerin sie sieht, voll lebendiger Metaphern, sehr fordernd, eingängig und sperrig zugleich. Mit Worten erschafft die Schriftstellerin einen Menschen und zeigt ihn mir so klar, dass es mir vorkommt, als könnte ich ihn tatsächlich kennenlernen: „Im Dolmetschervertrag steht, dass wir verpflichtet sind, das Gesagte gewissenhaft wiederzugeben. Für vorsätzlich falsches Übersetzen gibt es eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Und pünktlich sollen wir sein und gepflegt aussehen. Aber ich bin zu zerzaust für diese frisierte Aufgabe. Das Schicksal des anderen treibt mich ans offene Meer, und der Wind rupft an meinen Gefühlen und Gedanken.“ Nie passt er ins Schema, dieser Mensch, und trotzdem findet er einen Weg, eine Nische. Abwechselnd berichtet die Erzählerin von Ankunft und Eingewöhnung bzw. vom Alltag als Dolmetscherin, jede Geschichte erzählt von einem anderen Einwanderer. Die Eltern und der Bruder kommen nur bei der Einreise kurz vor und werden danach nie wieder erwähnt, lange habe ich auf ihre Rückkehr gewartet. Die undankbare Fremde ist ein kleines Büchlein mit großer sprachlicher und inhaltlicher Wucht – ausgezeichnet.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
der Tanz auf dem Seil ist bildlich für das ganze Leben.
… fürs Hirn: wer ist fremd und wie lange? Kann man jemals nicht mehr anders sein und ist das überhaupt erstrebenswert?
… fürs Herz: das Aufatmen, das mit der Hoffnung einhergeht, dass am Ende vielleicht doch jeder seinen Platz finden kann.
… fürs Gedächtnis: die wunderbare Sprache und der völlig andere Blick auf die mitteleuropäische Mentalität – die ja auch meine ist.

Die undankbare Fremde von Irena Brežná ist erschienen bei Galiani Berlin (ISBN 978-3-86971-052-5, 140 Seiten, 16,99 Euro).

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