Gut und sättigend: 3 Sterne

Michel Rostain: Als ich meine Eltern verließ

Ich bin tot, Papa, na und?
„Langsam hebe ich die rechte Hand, eine beschwichtigende Geste, ein leises Lächeln. Es ist die letzte klare Botschaft, die er von mir in Erinnerung behalten wird, mein Lächeln. Gar nicht übel.“ Als Michel Rostain seinen 21-jährigen Sohn Lion danach das nächste Mal sieht – kurze Zeit später – , ist er tot. Was Ärzte und Eltern für eine Grippe hielten, war in Wahrheit eine Meningitis, die den jungen Studenten ohne Überlebenschance dahingerafft hat. Er war zu jenem Zeitpunkt zuhause bei seinen Eltern, nicht in der Stadt, in der er studierte, und während sie glücklich sind, ihn wenigstens bei sich gehabt zu haben vor seinem Tod, hadern sie auf schlimmste Weise mit dem Schicksal: weil ihr Sohn vor ihren Augen starb, ohne dass sie es merkten, weil sein Tod hätte verhindert werden können, hätte jemand die Symptome erkannt. Da stehen sie nun, die Theaterkünstler und Easy-going-Menschen, und wissen nicht weiter. Das Leben hat ihnen den Sohn entrissen, und sie zerlegen jede Minute mit ihm in ihre Einzelteile, erinnern sich an gute Momente, bereuen die schlechte, grämen sich und wünschen sich in die Vergangenheit. „Immer wieder wird Papa diese unzähligen Minuten gedanklich durchspielen, die er wartend am Fuße des Krankenwagens vergeudet hat, anstatt hier zu sein, im Bett, im Zimmer, im Krankenwagen, bei mir, bei ihm.“ Die Eltern organisieren eine wunderschöne Trauerfeier, bei der alle Freunde mit Musik, Gesang und Geschichten dem Sohn gedenken. Die eigentliche Trauerarbeit beginnt dann erst so richtig: „Papa ist mitten im Chaos seiner ersten richtigen Trauerwoche, nachdem alle Feierlichkeiten stattgefunden haben und die Freunde wieder abgereist sind. Erst mit der Einsamkeit beginnt wirklich der Tod.“ Sie tun ihr Bestes, sie weinen und halten einander im Arm, sie lachen, sie finden einen Ort, um Lions Asche zu verstreuen. Jeden Tag besucht der Vater den Sohn auf dem Friedhof. Und jeden Tag merkt er: Lion wird ihm immer, immer fehlen.

Ich-Erzähler Lion berichtet in Michel Rostains autobiografischem Roman Als ich meine Eltern verließ von seinem eigenen Tod. Durch die Augen des Sohnes wirft der in Frankreich bekannte Opernregisseur einen sehr genauen Blick auf sich selbst. Nüchtern, kritisch und mit einer gehörigen Portion Schmunzelei lässt Michel Rostain seinen toten Sohn Bericht erstatten über den Schock, die Beerdigung, die Wochen danach. Dieser tut das auf die typisch lässige Weise der Zwanzigjährigen, die scharfzüngig sind in ihrem Sarkasmus und neunmalklug in ihrer Weltsicht, denn sie sind jung und glauben, sie könnnten nichts verlieren. Dass Lion aber alles verloren hat, was es zu verlieren gibt, verleiht seinem Erzählton eine hochgradig beißende Ironie. Ich kann während der Lektüre nie vergessen, dass es eigentlich der Vater ist, der spricht, dass er sich dem fiktiven Spott des Sohnes aussetzt und sich dabei gewissermaßen selbst verhöhnt: „Als guter, moderner Stoiker glaubt Papa – wie heute wahrscheinlich jeder – , dass das wahre Glück der Augenblick sei, den man gerade erlebt. Nicht auf die Zukunft hoffen, sich nich an der Vergangenheit festhalten, voll und ganz den Moment leben, und schon habe man Glück. Eine Gleichung: Ist also jetzt, da ich tot bin, dein wahres Glück der empfundene Schmerz?“ Frei von Pathos sei das Buch, heißt es in den Kritiken und im Klappentext, und für ein Buch ist das ein Kompliment. Es ist nicht unbedingt Pathos, das ich vermisse, denn in der unendlich traurigen Verabschiedungsfeier steckt viel davon drin, aber der gesamte Roman ist eine fast schon kakophemistische Auseinandersetzung mit dem größten Leid, das ein Vater erleben kann. Um das Leid ertragen zu können, verlacht er es, der Theorie des Schwarzen Humors zufolge, er bietet ihm die Stirn, indem er den Sohn sagen lässt: Mein Gott, Papa, stell dich nicht so an.

Die Umsetzung ist zutiefst ehrlich und authentisch, aber manchmal wird die Situation für meinen Geschmack zu sehr ins Lächerliche gezogen. Wir alle wissen, wie nah Lachen und Weinen miteinander verwandt sind, und dieses Buch ist die Rede eines Vaters, dessen Sohn gestorben ist, eine Rede, in der er so verbissen lacht, dass man kaum erkennen kann, ob die Laute nicht doch eher Schluchzer sind. Die Mutter spielt im Buch eher eine Nebenrolle, und der Sohn selbst bleibt sehr blass, wenig erfahren wir über sein Leben, nichts über seine Kindheit, die Freundin, die er hatte, wird nur einmal kurz erwähnt. Es reicht, dass er tot ist, und es geht im Roman in erster Linie um die harte Probe, die sein Tod für die lebensbejahende Einstellung des Vaters bedeutet. Selbst bekomme ich es mit der Angst zu tun, weil ich oft nachdenke über ein Schicksal, das mir meine Lieben rauben könnte, vielleicht gerade jetzt, während ich schreibe, oder dir, während du liest, und dann zerpflücke ich die letzten gemeinsamen Momente, wie die Eltern von Lion es tun. Es ist klar, dass Als ich meine Eltern verließ per se ein trauriges Buch ist, das den Leser auf die eigenen Ängste zurückwirft. Aber es ist auch ruppig, fies, grausam und verklärend zugleich, sehr verstörend in jedem Fall. Ein Buch, das vom Schlimmsten erzählt und dabei eine Aufgabe hat, wie Michel Rostain im Nachwort erklärt: „Der Tod ist ein Teil des Lebens, und man kann damit leben. Nicht jammern, nicht in Selbstmitleid und am Elend zergehen, sondern leben! Wie? Das weiß ich nicht, und ich werde mich hüten, hier Rezepte zu erstellen oder Lektionen zu erteilen. Jeder muss selbst herausfinden, wie es ihm möglich ist.“

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
wieder ein sehr schönes Cover vom Bertelsmann Verlag (2011 hatte Der stumme Pianist für mich das schönste Cover des Jahres), ebenfalls mit transparentem Umschlag, darunter befinden sich Alltagsgegenstände eines jungen Menschen.
… fürs Hirn: Epikur und seine Genossen, die Fragen, die seit jeher die Menschen umtreiben: Warum? Was bedeutet das Leben? Was der Tod? Und die Schlussfolgerung, dass dem Menschen im Angesicht des Todes nur eins bleibt: ein resigniertes Lächeln.
… fürs Herz: die furchtbare, nie endende Traurigkeit.
… fürs Gedächtnis: mein Wechselbad der Gefühle – mal ganz beim trauernden Vater, dann wieder weggestoßen von seinem Sarkasmus, die Verwirrung über die Frage: Wenn man sich selbst gegenüber pietätlos ist, ist das dann überhaupt pietätlos?

Als ich meine Eltern verließ von Michel Rostain ist erschienen im C. Bertelsmann Verlag (Edition Elke Heidenreich, ISBN 978-3-570-58032-5, 160 Seiten, 18,99 Euro).

0 Comments

  1. theobald tiger

    Der Versuch, den Verlust des eigenen Kindes aus dessen Perspektive zu beschreiben, ist ebenso interessant wie meines Erachtens misslungen.

    Ich habe vor drei Jahren eines meiner drei Kinder verloren. Aufgrund dessen hoffte ich, mich irgendwo in diesem (Hör-)Buch zu entdecken, irgendetwas zu finden, was mir bekannt vorkommt oder schlicht mich bewegt. Leider nichts dergleichen; das Buch wurde zu einer einzigen Enttäuschung. Es ist durchzogen von einer alles Wesentliche verdrängenden Detailverliebtheit (so wird u.a. der Preis eines Einkaufs des Vaters in Euro und alten französischen Franc angegeben), eingebetett in einen Schreibstil irgendwo zwischen Schulaufsatz und Poesiealbum, gespickt mit mehr oder weniger passenden Zitaten anderer Künstler. Das Werk nimmt den Leser nicht mit, stellt ihm keine Fragen, rührt ihn nicht an; es ist leider noch nicht einmal unterhaltend.

    Ist das Buch selbst schon frei von jeglichen emotionalen oder auch nur literarischen Höhepunkten; verleiht die monotone Stimme des Sprechers, welche auf mich regelrecht unangenehm wirkt, dem Hörbuch das Prädikat „ungenießbar“.

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    1. Mariki Author

      Lieber Theobald Tiger,
      dass du dein Kind verloren hast, tut mir von Herzen leid. Von dieser Perspektive aus hast du den Roman mit Sicherheit ganz anders gelesen und wahrgenommen als ich. Wobei ich gestehen muss, dass ich mich dann an deiner Stelle von einem Buch wie diesem vermutlich verarscht fühlen würde … aber dem Autor hat es scheinbar geholfen, auf diese Art mit seiner Trauer umzugehen. Ich wünsche dir für die Zukunft von allem Guten das Beste.

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