Prost Mahlzeit: 1 Stern

Laura Restrepo: Land der Geister

Schauderhaft wie ein Geist
Vier Tage war Aguilar fort, um Zeit mit seinen Söhnen aus erster Ehe zu verbringen, und als er zurückkehrt, findet er seine Freundin Augustina in einem völlig verwirrten Zustand: Er muss sie in einem Hotelzimmer abholen, erfährt aber nicht, was sie dort gemacht hat und mit wem. Augustina ist abweisend, bösartig, zu keinem Gespräch bereit und legt verrückte Verhaltensweisen an den Tag, stellt zum Beispiel in der gesamten Wohnung mit Wasser gefüllte Behältnisse auf. Sie stammt aus einer von Bogotàs angesehendsten Familien und hat beim Universitätsprofessor Aguilar, der sich mit dem Verkauf von Hundefutter über Wasser halten muss, eine bescheidene Bleibe gefunden. Als Augustinas Tante Sofi aus dem Nichts auftaucht und sich um sie kümmert, verbessert sich ihr Zustand ein wenig. Von ihr erfährt der ratlose Aguilar, der sich zwischenzeitlich einer anderen Frau zuwendet, Geheimnisse über Augustinas reiche Familie: Das Geld des Patriarchen stammt aus dem kolumbianischen Drogenhandel und ist gewaschen, der Umgang mit den Kindern war stets mehr als lieblos – so konnte Augustinas vermeintliche hellsichtige Gabe den kleinen Bruder nur selten vor Schlägen schützen. Augustinas Verrücktheit geht zurück auf das Erbe ihres Großvaters, und einen ausgewachsenen Ehebruch gibt es in der ach so ehrenwerten Familie auch.

Beste Kritiken und Lob aus Mündern wie jenem von José Saramago und Gabriel García Márquez umschwirren Laura Restrepos Roman Land der Geister. Ich kann keins davon nachempfinden. Von „großem Lesevergnügen“ ist die Rede, von „einem der besten Romane der letzten Zeit“. Für mich ist es ausschließlich einer der anstrengendsten Romane der letzten Zeit. Das liegt zum einen an der extrem unrunden, kantigen Sprache. José Saramago hat mein Leseverhalten vor 15 Jahren stark beeinflusst, weshalb ich durchaus ein Freund von langen, verschachtelten Sätzen bin. Nicht aber von solchen, wie Laura Restrepo sie mir vorsetzt, denn sie wechselt regelmäßig mitten im Satz die Perspektive – von der dritten Person zu ersten und wieder zurück zur dritten, zur Erzählerin selbst. Über mehrere Seiten denke ich anfangs, neben den einzelnen Figuren stünde jemand, nämlich der Ich-Erzähler, dabei handelt es sich vielmehr um einen höchst schizophrenen Schreibstil. Ich sehe die Charaktere von innen und von außen gleichzeitig, aber nur in Scherben, denn weder da noch dort sehe ich sie ganz. „Aguilar nahm ihn wahr, sobald er die Wohnungstür aufmachte: diesen bitteren Geruch des Sonderbaren, er setzt sich bei uns fest, wenn Augustina durchdreht, wenn sie in eine ihrer Krisen gerät, ich habe gelernt, ihn zu erkennen und meiner eigenen Traurigkeit beizumengen, die genauso riecht.“ Das klingt schön und irgendwie gut, aber auch abstoßend und zu gewollt. Gefangen hat mich das Buch, das als so spannend beschrieben wird, weil es die dunklen Machenschaften der Drogenbosse Kolumbiens aufdeckt, nicht. Viele Passagen sind zäh und langweilig, etwa wenn Augustinas Ex-Liebhaber Midas, der sie geschwängert und im Stich gelassen hat, in einem ewigen Monolog von Pablo Escobar und dem impotenten Spider erzählt oder wenn es um Augustinas demenzkranken Großvater geht. Augustinas angebliche hellseherische Fähigkeiten sind wohl nur eingebildet, da sie nur derart beschrieben werden, dass sie als Kind vorhersagen konnte, wann der Vater den Bichi schlagen würde – was wohl nicht schwer war, geschah es doch fast jeden Tag. Und die Geheimnisse, die sich entblättern – nun, all das kommt in den besten Familien vor. Um mich zu sagen: in fast jeder. Was ist also überraschend oder überragend an diesem Buch? Für mich nichts.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
das Cover ist das Beste am ganzen Roman.
… fürs Hirn: dass das Drogengeld in vermeintlich ehrbare Familien fließt – aber wen wundert das.
… fürs Herz: nicht einmal die Liebe zwischen Augustina und Aguilar, die gar nicht allzu groß zu sein scheint.
… fürs Gedächtnis: Enttäuschung.

0 Comments

  1. Liebe Mariki,
    ich habe das Buch schon vor einige Zeit gelesen und habe ganz andere Leseerfahrungen gemacht. Du fragst dich, was so überraschend oder überragend an dem Buch ist? Nun ja, du hast natürlich Recht, wenn du sagst, dass Geheimnisse in den besten Familien vorkommen aber man muss es auch im Kontext sehen. Restrepo berührt mit diesem Buch viele Probleme in Kolumbien. Zum einen den Drogenhandel, den Machismus und zum anderen familiäre Gewalt und das Stillschweigen darüber. Es ist mutig von ihr sich direkt, ohne Umschweife, mit den Dingen auseinanderzusetzen und das durch ihre Sprache zu unterstützen. In Ihrer Person als Schriftstellerin und Journalistin musste sie das Land bereits schon einmal verlassen, da es zu gefährlich war weiterzuarbeiten. Aus unserer europäischen Perspektive mag der Roman nicht weiter überraschend oder überragend sein aber die Veröffentlichung in Kolumbien unter dem Titel „Delirio“ schon.

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    1. Mariki Author

      Da gebe ich dir natürlich recht. Gelesen habe ich den Roman in erster Linie als Bücherwurm, der allenthalben Familiengeheimnisse und Drogenskandale in vielen Büchern präsentiert bekommt, das war schon reichlich abgeschmackt. Der Hintergrund, dass Laura Restrepo sich mit ihrem Roman in Gefahr begibt, ist ein tragisches Zeugnis für die Zustände in ihrem Land. Sicher stimmt es, dass das Buch in diesem Kontext mehr Gewicht bekommt. Aber ohne ihn? Was bleibt da? Muss ich das Buch immer in Bezug auf seinen Autor und die Bedingungen, unter denen es entstanden ist, lesen? Hat es dir denn tatsächlich gefallen, und warum?

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  2. Liebe Mariki,

    natürlich muss man einen Roman nicht in Bezug auf seinen Autor und den Rahmenbedingungen lesen. Ich gehe unter diesem Blickwinkel aber fast zu 90 Prozent an meine Lektüre ran. Ich weiß, das viele der Meinung sind nur der Inhalt interessiert. Das sehe ich eben nicht so, da der Autor und seine Schreibweise durch sein Vita geprägt wird. Ich gebe Dir aber auch Recht: Das Buch war nicht immer einfach. Sie hat sich mit der formalen Seite dem „Delirio“ von Augustina angepasst – also Form und Inhalt miteinander verknüpft.
    Ich lese sehr viele südamerikanische Schriftsteller (momentan wieder weniger) – immer auch unter geschichtlichen und politischen Aspekten – daher hat mich das Buch schon rein von der Thematik interessiert. Aber auch die Darstellungen von Kolumbien, die Stimmung der Gesellschaft, wie Gewalt verschwiegen wird, wie Gewalt verherrlicht wird ….
    Das Buch ist sicher nicht mein Lieblingsbuch aber eben auch nicht so enttäuschend, wie du es beschrieben hast.

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    1. Mariki Author

      Bei Büchern wie diesem muss man den Hintergrund sicher ganz anders betrachten als bei niveauloser Chicklit. Aber sag, fandest du denn dieses ganze „Delirio“ angemessen? Mir kam es sehr übertrieben vor. Wie Augustina durchdreht und wie das ganze Buch durchdreht. Vielleicht bin ich zu wenig hysterisch, ich konnte mich da nicht so reinsteigern 😉 Aber: Froh bin ich, dass das Buch in dir einen Fan gefunden hat, denn so soll es ja sein, dafür werden Bücher geschrieben!

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