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A. J. Kazinski: Die Auserwählten

Ein Thriller, wie Thriller eben sind
Seit 15 Jahren ist Niels Bentzon bei der Mordkommission der Polizei Kopenhagen, seit zehn Jahren arbeitet er als Vermittler bei Geiselnahmen. Sein neuester Fall ist eigentlich gar keiner: Niels soll die „guten Menschen“ von Kopenhagen warnen – denn laut einer vom italienischen Polizisten Tommaso Di Barbara an Interpol gegebenen Meldung werden weltweit Morde begangen. Die Gemeinsamkeiten: Die Opfer haben merkwürdige Zeichen am Rücken, von denen niemand weiß, ob es Tätowierungen oder Brandnarben sind, und sie haben in ihrem Leben viel Gutes getan. Die Astrophysikerin Hannah Lund, die Niels bei seinen Nachforschungen kennenlernt, findet noch mehr Gemeinsamkeiten: 38 Auserwählte gibt es dem jüdischen Glauben zufolge, sie beschützen die Menschheit in jeder Generation. 36 von ihnen sind tot, die Zeitpunkte und Orte der Morde ergeben ein System. Hannah berechnet, wo der letzte Mord stattfinden soll: in Kopenhagen. Das Opfer: Niels.

Die Auserwählten ist ein typischer Thriller: Ein 08/15-Protagonist – in diesem Fall ein Kommissar – erfährt durch Zufall vom drohenden Untergang der Welt, auf den es immer irgendwie hinausläuft, und setzt natürlich alles daran, ihn zu verhindern. An die Seite gestellt bekommt er dabei etwas Hübsches, Weibliches und beim Autorenduo A. J. Kazinski auch Kluges: eine Frau. Gemeinsam kämpfen sie bis zum bitteren Showdown gegen alle Widrigkeiten – derer es viele gibt. Dass sie am Ende reüssieren, ist klar. So weit, so gut – oder schlecht, je nachdem, wo die persönlichen Vorlieben liegen. In den seltensten Fällen bietet ein Thriller mehr als seichte, vorhersehbare Unterhaltung, und leider bleiben am Ende oft mehr Fragen offen, als am Anfang gestellt wurden. A. J. Kazinski haben eigentlich alles richtig gemacht: ein netter Held, der selbst in Gefahr gerät, ein alter Mythos, mysteriöse Morde. Wer aber ein solches Rätsel um die Todesfälle macht, muss zum Schluss Erklärungen liefern, die Sinn ergeben. Wer hat die Morde begangen? Gott? Wozu, er muss doch gewusst haben, dass Niels überlebt? Wieso überlebt er überhaupt? Logisch ist es nicht im Geringsten.

Das Ende des Buchs ist ebenso unglaubwürdig und weit hergeholt wie die gesamte Handlung, es bleibt sehr schwammig, und der Roman hört unvermittelt auf. Dabei wird der Leser zuvor – als Hannah und Niels im Krankenhaus sind – über Seiten und Seiten hingehalten, während die beiden nach Lösungen suchen und ihnen die Zeit davonläuft. Das ist spannend – was dann aber als vermeintlicher Höhepunkt präsentiert wird, ist so mickrig, dass alles wie ein Berg heißer Luft in sich zusammenfällt. Grausam für jeden, der – wie ich – beim Lesen nichts so sehr fürchtet wie abgeschmackte Klischeesätze, ist die Sprache von Die Auserwählten. Formulierungen wie „Seine Arme bestanden nur aus Haut und Knochen und fühlten sich so an, als könnten sie jederzeit zerbrechen“ oder „Er wollte leben. Wollte nicht sterben. Er hatte doch noch so viel vor“ sind einfach unterste stilistische Schublade. Auch will ich nicht mehr lesen müssen, dass jemand einen anderen ärgerlich anschaut statt verärgert, das ist wirklich peinlich. Mit ganz billigen Tricks versuchen A. J. Kazinski, den Leser zu erschrecken: „Niels ging nach draußen auf die Hintertreppe und schaltete das Licht ein. „Wer ist da?“ Keine Antwort.“ Uuuh-huu. Oder eher gähn? Die beiden haben sich in ihrer Idee, das Ende der Welt durch den Tod der Guten herbeizuführen, komplett verzettelt. Fazit: Netter Versuch.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein genretypisches Cover mit schönen Blutflecken.
… fürs Hirn: alles Leben ist Mathematik.
… fürs Herz: der tragische Selbstmord von Hannahs Sohn.
… fürs Gedächtnis: nichts, ich brauche den Speicherplatz für Besseres.

Dieser Roman ist nominiert für den „M Pionier“-Buchpreis der Mayerschen Buchhandlung!

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