Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Simon Urban: Plan D

Eine Reise in die Zukunft der DDR
„Wo sind wir denn?“ „In einem Land, das Raufutter verzehrende Großvieheinheit zu einer Kuh sagt.“ Ganz klar: Das ist die DDR. Allerdings nicht die DDR der Zeit vor 1989, sondern die DDR im Oktober 2011. Denn statt einer Wiedervereinigung gab es 1990 eine Wiederbelebung. Die Grenze ist zu, Egon Krenz seit 22 Jahren an der Macht, die Menschen im Osten fahren mit Rapsöl betriebende Phobos und leben davon, dass die Erdölpipelines aus Russland über ihren Grund führen. Martin Wegener arbeitet bei der Volkspolizei und bekommt einen ebenso mysteriösen wie aufsehenerregenden Fall aufgehalst: Ein ehemaliger Berater von Krenz, inzwischen über 80, wurde erhängt, die Sympolsprache deutet auf die Stasi. Der Westen gerät in Aufruhr, die Geschichte dröhnt durch die Medien, und der Osten kann nicht – wie sonst – alles unter den Teppich kehren. Im Gegenteil: Martin Wegener bekommt mit Richard Brendel einen westdeutschen Kollegen an die Seite gestellt, der alles hat, was ihm fehlt: „Brendel verbuchte Dienstgrad, Westherkunft, Statur, Bonbonparfum und ein schmal geschnittenes Filmschauspielergesicht inklusive blauer Augen auf seinem Siegerkonto. Und als Bonus einen Dienstwagen, nach dem sich ganz Ostberlin umdrehte.“ Wegener dagegen trägt Cordhosen, spricht im Geiste mit seinem verschwundenen Mentor Josef Früchtl, und die Frau, die ihm weggelaufen ist, Karolina, liebt er traurigerweise noch immer. „Ein DDR-Mensch hat immer nur die Wahl zwischen Schlaganfall und Kopfschuss“, bekommt Wegener erklärt und erlebt es am eigenen Leib: Wie soll er die Wahrheit herausfinden in einem Land, in dem es gar keine Wahrheit gibt, sondern eine offizielle und eine inoffizielle Version der Realität? Was hat Karolina mit der ganzen Sache zu tun? Wer ist Freund, wer Feind und wer bespitzelt eigentlich wen? Ein heilloses Chaos entsteht rund um den Mord, der die Konsultationen – die Annährerung von Ost und West, bei der es um viele Erdölmilliarden geht – gefährdet, und Martin Wegener, ein tollpatschiger, in die Jahre gekommener Kerl mit Bauch, steckt mittendrin: „Ihr wisst mehr, als ich je wissen werde, ihr steht hinter den Kulissen, ihr verschiebt die Wände, ihr führt Regie. Ich stolpere über die Bühne. Aber, meine schnurrbärtigen, halbglatzigen, braunblonden, verwarzten, verwanzten Freunde, ich stolpere in unvorhergesehene Richtungen.“

Mit Plan D hat Simon Urban eine ulkig wirkende, aber erschreckend reale Parallelwelt entworfen. Sehr konsequent und aufs Detail bedacht präsentiert er eine DDR der Gegenwart, die modern geworden und doch – im Geiste, in den Idealen – veraltet geblieben ist. Sein Protagonist Martin Wegener ist ein liebenswerter Hampelmann, der daran gewöhnt ist, dass der Staat ihn nach Belieben herumschubst, der aber in geeigneten Momenten mit Scharfsinn und genialen Einfällen überrascht. Nichts darf er wissen, nichts soll er herausfinden, alle Ermittlungen dienen nur dazu, den Schein zu wahren, man bemühe sich um eine Auflösung: „Dieser Fall ist ein schwuler Flötenspieler, und wir sind die schlauen heterosexuellen Ratten, die sich die rosa Öhrchen zuhalten, kapiert?“ Die politische Situation in Plan D ist endlich mal ein origineller, humorvoller Rahmen für einen durchaus klischeebehafteten Ermittler.

Simon Urban ist Werbetexter bei Jung von Matt, und man merkt es an den spitzen Pointen, an seinem Wortwitz, an den schlagkräftigen Wortkreationen. In seinem ersten Roman hat er sich allerdings vom Werbetextergräuel, immer „kurz und knackig“ schreiben zu müssen, befreit: Er wartet stellenweise mit Sätzen auf, die ein wenig zu lang und zu gewunden sind; das verursacht einige Durststrecken im Buch. Auch ist mir manches – Respekt vor der umsichtigen Planung und lückenlosen Umsetzung – gar zu verhirnt, zu konstruiert und gewollt. Vermutlich ist das jedoch ein unangenehmer, aber nötiger Nebeneffekt einer so authentischen und doch erfundenen Welt. Wie in einem klassischen Verwirrspiel öffnet dieser einfallsreiche Autor einen doppelten Boden nach dem anderen, lässt bespitzeln und doppelt bespitzeln, verdächtigen, verraten – bis niemand mehr sicher ist, auch der Leser nicht. Das ist kompliziert, aber dennoch ein Geniestreich. Insgesamt zeigt sich Plan D als komödiantischer, erheiternder, satirischer Krimi mit schön zynischen Seitenhieben auf Politik, Liebe und Wahrheit. Lässig, böse, verrotzt geschrieben, mit einigen Schwachstellen, über die man hinwegsehen kann. Ich würde eventuell sogar eine Fortsetzung lesen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt:
… fürs Auge:
ein gruseliges, futuristisches, passendes Cover.
… fürs Hirn: alles! Die ganze Vorstellung einer DDR im Jahr 2011, ein einziger Gehirnkrampf, ein Schauspiel, eine Fantasiewelt!
… fürs Herz: die tragische Figur Martin Wegeners, der bei allen Klischees – Unattraktivität, Staatsdienst, unerwiderte Liebe – zu den sympathischsten Ermittlern der jüngeren Literatur gehört.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat:
„Haben Sie eine Frau?“
Kayser sah nicht überrascht aus. „Ich hatte eine.“
„Und?“
„Funktionierte nicht. Hab sie umgetauscht gegen eine elektrische selbstreinigende Wandfotze mit Echthaar.“
„Ihr seid glückliche Leute, da drüben im Westen.“

Dieser Roman ist nominiert für den „M Pionier“-Buchpreis der Mayerschen Buchhandlung!

0 Comments

  1. Liebe Mariki,
    auch ich habe „Plan D“ verschlungen. Die Durststrecken kommen mir bekannt vor 😉 Aber manch Seite hab ich einfach laut gelesen, da sind mir seine kunstvollen Wort- und Satzkreationen erst so richtig bewusst geworden.

    Einen schönen Montag
    Bücherliebhaberin

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  2. Mariki Author

    Das kann ich nachvollziehen! Manche Stellen sind wirklich voll gewitztem, feinsinnigem Humor. Die unvorhersehbaren Wendungen und der fiese Schluss haben mir auch gut gefallen.

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