Für Gourmets: 5 Sterne

Paula McLain: Madame Hemingway

„Er wollte alles, was man nur haben konnte, und noch viel mehr“
Die junge Hadley führt ein zurückgezogenes Leben als lediges spätes Mädchen im Haus der verheirateten Schwester, und es reißt sie aus ihrer Lethargie, als sie bei einem Besuch in Chicago Ernest trifft. Er ist jünger als Hadley und träumt davon, ein großer Schriftsteller zu werden; wie ein Wirbelwind fegt er durch Hadleys gesamte Existenz. Sie schreiben einander gewitzte, hoffnungsvolle Briefe und gehen das Wagnis der Ehe ein – praktisch ohne sich zu kennen. „Wie unglaublich naiv wir beide in dieser Nacht waren. Wir hielten uns aneinander fest und gaben uns Versprechen, die wir nicht halten konnten und die wir nie hätten aussprechen sollen. Aber so ist die Liebe manchmal.“ Und so wird Hadley Ernest Hemingways erste Frau, sie zieht mit ihm nach Paris, sie ist ihm eine Stütze und erdet ihn, der zu einem Höhenflug ansetzt, sie ist „gut und stark und echt“. Im wilden Paris der 1920er-Jahre, einer Zeit, in der in den Elitekreisen kaum jemand an die Ehe glaubte, versuchen Hadley und Ernest, den zügellosen Liebes- und Dreiecksgeschichten ihrer Freunde – darunter F. Scott Fitzgerald und Zelda, Ezra Pound, Gertrude Stein – zum Trotz, an ihrer Zweisamkeit festzuhalten. Wie eine Löwin kämpft die biedere, freundliche, herrlich normale Hadley um ihren Mann, in der fiebrigen Atmosphäre einer Stadt, die sich gebärdet wie eine verlogene Hure, und sie bleibt auch dann noch aufrecht stehen, als sie alles, alles verliert.

Ernest Hemingways Name und Werk ist jedem, der sich einer halbwegs anständigen Allgemeinbildung rühmen darf, ein Begriff. Er gilt als einer der Vorreiter eines klaren, schnörkellosen Schreibstils; er soll ein Macho gewesen sein, ein Lebemann. Paula McLain porträtiert auf eine unfassbar authentische Weise einen jungen, unsicheren Ernest, der genau weiß, was er will, der treu sein möchte und ehrlich – und am Ende doch den Verlockungen der Pariser Sirenen erliegt. Getragen wird dieser Roman, der sich auf der New York Times-Bestsellerliste platzierte, von Hadleys Stimme, die Paula McLain so meisterhaft eingefangen hat, dass ich ihr jedes Wort glaube, das wahre wie das erfundene. Woher kann sie all dies wissen, frage ich mich während der Lektüre, was ist Realität, was Fiktion? Antworten finde ich – ausnahmsweise einmal hocherfreut über Zusatzmaterial – im Anhang in einem Interview, in dem die Autorin erklärt, dass es viele Biografien über ihre Hauptfiguren gibt und ihr Hemingways Buch über die Pariser Zeit Paris – Ein Fest fürs Leben wichtige Informationen geliefert hat, und in dem sie sagt: „Ich habe alles erfunden, worüber ich nichts Sicheres wissen konnte, etwa die gesamten Dialoge im Roman. Auf einer tieferen Ebene, auf der einem keine Biografie der Welt weiterhelfen kann, wusste ich allerdings bereits, was im Herzen der Geschichte lag.“ Sie zeigt Hadley als intelligente, einfache, humorvolle Frau, eine treue Seele, von einer ganz anderen Anmut als die glitzernden Schönheiten der 20er-Jahre, und sie offenbart, welch wichtigen Einfluss Hadley auf Ernest und seine Karriere hatte: Es steht eben doch eine erfolgreiche Frau hinter jedem erfolgreichen Mann.

Dieses Buch entfaltet einen wunderbaren Sog, in den ich mich fallen lasse, der mich auf Wortwellen durch ein schillerndes Paris treibt, immer ganz nah an diesem besonderen Paar, seinen Kämpfen, seiner Liebe, seinem Scheitern. Respektvoll ziehe ich meinen Lesehut vor Paula McLain, die so behutsam, schlau und mit dem richtigen Gespür für Tempo und Detailreichtum Wahrheit und Fiktion verknüpft hat zu einem engmaschigen, weichen Netz, das den Leser einfängt und vor Vergnügen zappeln lässt. In ihrer ausbalancierten, stimmungsvollen Sprache bade ich voll Wonne, mit ihrer mutigen, liebenden Protagonistin leide ich mit. Dieser Roman weckt eine Bandbreite an Gefühlen im Leser, Wut und Mitgefühl, Neid und Verständnis. Funkelnd leuchtet die Kulisse von Paris, oder um die Worte der Autorin auszuleihen: „Die zwanziger Jahre in Paris waren eine einmalige Zeit, und das Leben der Hemingways dort war voller unglaublicher Abenteuer und unwiderbringlicher Begegnungen, so dass ich unendlich dankbar bin, diese Jahre noch einmal mit ihnen durchlebt haben zu dürfen.“ Ich auch!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein elegantes Cover, das die Rahmenbedingungen des Buchs gut spiegelt.
… fürs Hirn: die grandiose, aufgeregte Nichts-zu-verlieren-Atmosphäre nach dem Ersten Weltkrieg im goldenen Paris.
… fürs Herz: der Schmerz, der bittere, eklige Schmerz einer betrogenen Frau.
… fürs Gedächtnis: zum Glück werde ich mich noch lange an diesen wunderbaren, lesenswerten Roman erinnern. Er ist einer, der bleibt.

Dieser Roman ist nominiert für den „M Pionier“-Buchpreis der Mayerschen Buchhandlung!

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