Gut und sättigend: 3 Sterne

Miriam Toews: Kleiner Vogel, klopfendes Herz

Mennoniten, Männer und Mexico City
„Ich merke manchmal nur an dem Schmerz in meiner Brust, dass ich noch lebe, denn im Himmel gibt’s keine Schmerzen.“ Grund für Schmerzen hat Irma genug, denn das Leben ist nicht einfach in einer strengen mennonitischen Familie in Mexiko. „Vor langer Zeit, in den zwanziger Jahren, reisten einmal sieben Mennoniten – alles Männer – von Manitoba zum Präsidentenpalast in Mexico City, um einen Handel abzuschließen. Man hatte ihnen das Land hier billig angeboten, und sie hatten beschlossen, das Angebot anzunehmen und ihre ganze Sippschaft aus der kanadischen Kolonie nach Mexiko zu verpflanzen, wo sie ihre Kinder weder in die staatliche Schule schicken noch ihnen Englisch beibringen oder normale Kleider anziehen müssten.“ In Kanada hat auch Irma mit ihrer Familie gelebt – doch nach dem tragischen Tod ihrer älteren Schwester Katie, über den Stillschweigen bewahrt wird, bestimmte der Vater den Umzug. Inzwischen ist Irma 19, und um den Mexikaner Jorge heiraten zu können, hat sie mit ihrem Vater gebrochen. Jorge hat es ihr gedankt, indem er sie verlassen hat, und so lebt Irma nun wie eine Aussätzige auf dem Nebenhof ihrer Eltern ohne Kontakt zur Außenwelt und fragt sich: „Wie komme ich auf dieser Welt zurecht, ohne mich an die Anweisungen von meinem Vater, meinem Mann oder Gott zu richten?“ Sie bekommt bald Gelegenheit, das herauszufinden, denn auf dem dritten Hof zieht eine Filmcrew ein und engagiert Irma als Übersetzerin. Die Mennoniten sind davon nicht im Geringsten begeistert, und dass der Regisseur völlig wahnsinnig ist, verbessert die Situation auch nicht gerade. Als sich die Lage plötzlich zuspitzt, muss Irma mit ihrer 13-jährigen Schwester Aggie und dem frischen Baby Xemina Hals über Kopf fliehen, in ihren altmodischen Röcken, planlos, voller Angst – und damit beginnt der Ärger erst.

Miriam Toews hat sich in Kleiner Vogel, klopfendes Herz an ein grandioses Patentrezept gehalten: Wähle einen überaus ungewöhnlichen Protagonisten, der allein durch seine Andersartigkeit interessant ist, und bilde die Welt durch seinen verblüffenden Wahrnehmungsfilter ab. Als Zugangsart hat sie sich nicht den melancholischen Blick auf ein Außenseiterdasein ausgesucht, sondern Witz und trockenen Humor. Komik ist Tragik in Spiegelschrift, so beweist es einmal mehr diese kanadische Autorin mit ihren beißend ironischen Sätzen wie: „Dann verstreuten sie sich über die ganze Welt und bildeten ihre Kolonien, auf der Suche nach Frieden, Freiheit, Einsamkeit und Käseverkaufsmöglichkeiten“ oder „Ich überlegte, ob ich mir eine Kuh ins Haus holen sollte, zur Gesellschaft, bloß eine einzige. Eine kleine. Ich hätte auch im Stall schlafen können, wie Jesus, bloß ohne das ganze Gefolge und den Leistungsdruck.“ Das ist sehr erheiternd, artet aber stellenweise ein wenig aus und wird zur Herumreiterei auf den ewig gleichen Themen. Das Wissen über den mennonitischen Alltag bringt Miriam Toews aus ihrer eigenen Lebensgeschichte mit; sie arbeitet in diesem Roman Autobiografisches auf. Dabei kann man nur hoffen, dass nicht allzu viele Ähnlichkeiten zwischen ihr und Buchfigur Irma bestehen, hat diese doch ein extrem großes Paket an – berechtigten – Schuldgefühlen zu tragen und kommt vor lauter Selbstgeißelung kaum zu etwas anderem. Irma ist – obwohl ihre Lebenssituation Sympathie wecken möchte – ein schwieriges, sprunghaftes, überraschend egoistisches Persönchen, und der Roman hält für sie wie für den Leser mehrere unerwartete Wendungen bereit. Kleiner Vogel, klopfendes Herz ist ein hektisches, anstrengendes und überladenes Buch, das aber gleichzeitig in seiner Sanftheit und Klugheit bewegt. Widersprüche müssen sich nicht auflösen, sie dürfen nebeneinander bestehen, und so ist dieser Roman witzig und traurig, hysterisch und ruhig, nervtötend und hervorragend zugleich. In jedem Fall einzigartig – und das will etwas heißen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
sensationell! Ein einfallsreiches, tolles, wunderschönes Cover. Falls man es nicht erkennen kann: Das schwarze Knäuel besteht aus Filmrollen. Das zweitbeste Cover in diesem Jahr so far!
… fürs Hirn: die interessanten und humorvollen Bemerkungen zur Entstehung und zum Leben der Mennoniten.
… fürs Herz: die Szene, in der Irmas Mutter ihr Baby Xemina anvertraut.
… fürs Gedächtnis: die gesamte Ungewöhnlichkeit von Mennonitin Irma.

Kleiner Vogel, klopfendes Herz ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 9783827010292, 22 Euro, 288 Seiten).

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