Gut und sättigend: 3 Sterne

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

„Wenn du mit einem Schweden um die Wette saufen willst, solltest du zumindest Finne oder Russe sein“
Allan Karlsson hat ein stolzes Alter erreicht: 100 Jahre zählt der Schwede, der geistig noch verblüffend fit ist und deshalb keine Lust hat, im Altersheim mit den Greisen, der lästigen Schwester Alice und dem Bürgermeister seinen Geburtstag zu feiern. Er klettert kurzerhand aus dem Fenster – in Pantoffeln und mit wenig Geld – und marschiert zum Busbahnhof. Dort stiehlt er einem jungen Mann ebenso spontan einen Koffer, in dem zufällig mörderisch viele Kronen stecken, und mit seiner völlig ungeplanten Busfahrt nach Byringe beginnt ein abenteuerlicher Roadtrip, der Allan neue Freunde, viele Zeitungsschlagzeilen, zwei Todesopfer und die Bekanntschaft mit einem Elefanten bescheren wird. Den Hundertjährigen kann aber so schnell nichts überraschen, hat er doch mehr erlebt, als auf eine Kuhhaut passt: Er hat mit General Franco, Präsident Truman und Stalin getrunken, seine Finger beim Bau der Atombombe im Spiel gehabt, eine von Maos Frauen gerettet, jahrelang Urlaub gemacht und unter anderem Brücken, Autos sowie eine gesamte russische Stadt in die Luft gesprengt. Und das ist nur ein Auszug aus seinen Erlebnissen in den letzten 100 Jahren. Man könnte auch sagen: Allan Karlsson hat seine Lebenszeit voll ausgenutzt – und er denkt auch jetzt nicht daran, es mal ein bisschen langsamer angehen zu lassen.

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist ein Buch, das mit schwingenden Schritten daherkommt, keine Ansprüche stellt, nicht hochliterarisch sein mag, sondern vor allem eins will: Spaß machen. Dies ist ein wildes, kurioses, erfreulich unernstes Buch, in dem ein Autor – der Schwede Jonas Jonasson – sich nach Herzenslust ausgetobt hat, ganz ohne Rücksicht auf historische Tatsachen, die Grenzen der Realität oder Geschmacklosigkeit. Das ist dermaßen verrückt und übertrieben, dass man kopfschüttelnd lachen muss, ob man will oder nicht. Protagonist Allan interessiert sich nicht die Bohne für Politik – hat aber, als unbedarfter, freundlich-naiver Hans-guck-in-die-Luft, größten Einfluss auf so ungefähr alle wichtigen Ereignisse der gesamten Weltgeschichte. Dieser Roman ist komplett erstunken und erlogen – und will das gar nicht verbergen, nein, charmant und mit ironischem Augenzwinkern führt Jonas Jonasson den Leser an der Nase herum und tischt ihm eine gigantische Lügengeschichte auf. Um sich das Vergnügliche aus diesem Buch herauszupicken, muss man eine ordentliche Portion und den Willen, belustigt zu werden, mitbringen; ich vermisse bei all der Clownerie ab und zu die Abgeklärtheit von John Irving oder Arto Paasilinna. Die absurden Rückblenden sind in meinen Augen wesentlich witziger als die verquere Flucht Allans und seiner Freunde vor der schwedischen Mafia und der Polizei. Gesoffen wird unendlich viel in diesem Roman, der Schnaps fließt in Strömen, und unter diesem Aspekt verwundert Allans Alter nicht: Er ist in Alkohol eingelegt und konserviert. Es gibt kaum Adjektive, die diesem Buch gerecht würden: amüsant ist es und herausfordernd, opulent, unglaublich, bunt. Wer offen dafür ist, hört die Botschaft heraus, das Leben nicht so ernst zu nehmen. Fazit: Münchhausen at his best!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt:
… fürs Auge:
ein schönes, filigranes Cover, die Idee mit dem Reisekofferetikett finde ich sehr gut. Auch innen ist der Elefant gezeichnet.
… fürs Hirn: das Hirn ist auszuschalten in diesem Fall. Nicht nachdenken, nur unterhalten lassen!
… fürs Herz: dieses Buch mag nicht ans Herz gehen, sondern an die Lachmuskeln.
… fürs Gedächtnis: wegen der übergroßen Vielfalt an Verrücktheiten kann einem kaum ein Einzelereignis aus diesem Roman in Erinnerung bleiben. Eher das ganze schillernde Buch!

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist erschienen bei carl’s books (ISBN 978-3-570-58501-6, 14,99 Euro, 416 Seiten).


Dieser Roman ist nominiert für den „M-Pionier“-Buchpreis der Mayerschen Buchhandlung!

0 Comments

  1. Ich habe es fast ausgelesen und finde die Idee an sich in Kombination mit der Umsetzung sehr gelungen! Genau wie du fühle ich mich prima unterhalten.
    Darf ich fragen, warum du „nur“ drei von fünf Punkten vergeben hast? Liegt es daran, dass es sich eher um Unterhaltungsliteratur handelt?

    Den Vergleich zu Irving habe ich gedanklich nicht gezogen. Ich nehme während des Lesens keine Berührungspunkte wahr, abgesehen davon, dass beide Autoren gerne mit kuriosen Begebenheiten arbeiten. Für mich sind die beiden nicht miteinander vergleichbar.

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  2. Mariki Author

    Mich hat das Absurde sehr an Irving erinnert, all diese unerwarteten und kuriosen Begegnungen. Stilistisch kann man die beiden tatsächlich nicht vergleichen. Ja, drei Punkte … ich fand das Buch lustig, aber halt doch recht flach. Was in Ordnung ist – es hat mich schließlich gut unterhalten. Für ein wahres Highlight brauche ich persönlich aber doch mehr Tiefgang.

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  3. Ich habe dieses Buch geschenkt bekommen und hatte keine Ahnung, auf was ich mich da einlasse.
    Nur vage Andeutungen und das Erste Kapitel wollten die Kollegen auf der Arbeit sogar vorgelesen bekommen.
    Die Erwartungen waren hoch und wurden nicht enttäuscht.
    Ich war sehr schnell versunken in der Geschichte und habe oftmals im Bus oder in der Bahn laut losgelacht. Sehr zum Erstaunen der andere Passagiere.
    Da ich beruflich mit alten Menschen zu tun habe, hat mich diese Geschichte doch ziemlich berührt.
    Wie wenig nehmen wir von dem wahr, was um uns herum passiert…
    Auch wenn alles in diesem Buch an den Haaren herbeigezogen ist, so steckt doch eine angenehme Botschaft dahinter.
    Nicht immer alles so entsetzlich ernst und wichtig nehmen.
    Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen.
    Ein auf und ab dieser Art würde ich mir öfter in Unterhaltungsromanen wünschen…

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