Gut und sättigend: 3 Sterne

Majgull Axelsson: Eis und Wasser, Wasser und Eis

„Des Frühlings Licht und Dunkelheit“
Krimiautorin Susanne sieht sich an Bord der Oden, einem Eisbrecher im Nördlichen Polarmeer, mit einem Szenario konfrontiert, das einem ihrer Bücher entstammen könnte: Jemand dringt immer wieder in ihre Kabine ein und hinterlässt ebenso widerliche wie mörderische Botschaften. Mögliche Kandidaten gibt es viele, denn auf dem riesigen Schiff tummeln sich Forscher wie Ulrika und John, Fernsehjournalisten, Matrosen, Schiffsarzt Anders und viele mehr. Wer hat es auf Susanne abgesehen und warum? Sie wollte die Schifffahrt eigentlich zum Schreiben nutzen, doch nun hat sie ein Rätsel zu lösen, und die Reise führt sie in ihre eigene Vergangenheit: zu ihrer Mutter Inez und deren Zwillingsschwester Elsie, zu ihrer Jugend als Mauerblümchen und zu ihrem Halbbruder Björn, der 40 Jahre zuvor mit der Band „Typhoons“ zum gefeierten Popstar wurde – und dessen Schicksal die ganze Familie zerstörte.

Majgull Axelsson ist eine Grande Dame der schwedischen Unterhaltungsliteratur. Vor Jahren habe ich Die Aprilhexe (2001) und Augustas Haus (2002) gelesen und sehr gemocht. Der Inhalt von Eis und Wasser, Wasser und Eis klingt vielversprechend – und es gelingt Majgull Axelsson auch in diesem Fall, dem Leser einen mitreißenden Einblick zu geben in eine Familie, die glücklich hätte sein können und es nie geworden ist. Die Stärke der schwedischen Autorin, die auch in Deutschland Erfolge feiert, sind groß angelegte Sagas und fein ausgearbeitete Charaktere. Sie gibt ihnen allen eine Chance, sich zu äußern: Susanne und Björn, Inez, Elsie und Schiffsarzt Anders. Die einen leben und erzählen in der Gegenwart, auf dem Schiff, die anderen in der Vergangenheit. Jeder liefert ein Puzzleteil, und während diese sich zu einem großen Ganzen zusammensetzen, steigt die Spannung. Man kann Eis und Wasser, Wasser und Eis getrost einen Thriller nennen, in dem die Protagonistin bedroht wird und einen Anschlag verhindern muss; düster und unheimlich ist die Stimmung auf der Oden unter diesem Aspekt, jeder könnte der Täter sein, ganz klassisch. Rundherum gibt es nichts außer meterdick gefrorene Kälte und Eisbären – und doch ist Susanne, ohne es zu wissen, mit jemandem an Bord verbunden.

Sprachlich passieren Majgull Axelsson kaum Ausrutscher, ihr Stil ist geschmeidig und routiniert, ihre Vergleiche sauber und schön: „So machten es alle Erwachsenen. Antworteten mit einem Scherz. Ließen den Ernst zu Boden tropfen, dass er aufgesaugt wurde und in dem roten Flausch verschwand.“ Dieser Roman bietet gute Unterhaltung, wie ein spannender Film zum angenehmen Zeitvertreib. Plastisch geschrieben ist das Buch allemal, sodass man es sich bereits vor dem geistigen Auge auf der Kinoleinwand vorstellen mag. Für alle, die das Rätselraten, sympathische Figuren, kluge Rückblenden und (wie ich) Schweden mögen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
blau, blau wie das Meer ist das Cover – eine logische Konsequenz aus dem Titel. Es wirkt bei näherer Betrachtung ein bisschen gruselig, was sehr passend ist.
… fürs Hirn: die interessanten Hintergrundinformationen zum Polarmeer und seinem Eis.
… fürs Herz: dass Susanne seit jenem Schicksalsschlag völlig ohne Liebe lebt.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Eisberge werden, genau wie alles andere, größer und schöner, wenn man sie in Einsamkeit erlebt.“

Eis und Wasser, Wasser und Eis ist erschienen bei C. Bertelsmann (ISBN 978-3570100417 22,99 Euro, 544 Seiten).

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