Für Gourmets: 5 Sterne

Gudrun Seidenauer: Aufgetrennte Tage

„Das Alleinsein ist eine steile Rutsche, auf der man sich mühsam im Gleichgewicht hält“
Am wichtigsten war Marianne immer die Ordnung. Geputzt hat sie fleißig in dem Haus, das Hermann ihr gebaut hat, seine Kleider geflickt, hinter ihm hergeräumt, den Boden gewienert, die Fenster poliert. Sorgsam war Marianne schon immer, hat Socken und Pullover gestrickt zum Verkaufen, damals, daheim in Südtirol, während die Italiener die Dörfer besetzten und ihnen neue Namen erfanden. Dass das halbe Leben Ordnung sei, hat sie später auch der Kleinen eingebläut, Friederike, die Mariannes geschickte Hände hat und Hermanns anklagenden Blick. Fast dreißig war Marianne schon, als Hermann kam, um sie zu heiraten, und was hätte sie da anderes tun können als mitgehen mit ihm ins Salzburger Land. „Hermanns Kleider hat sie wunderbar in Ordnung gehalten. Mit ihm ist es ihr nicht gelungen.“ Denn Hermanns Jähzorn und seine Wutausbrüche waren unberechenbar. Jahrzehntelang hat Marianne gelitten, gegangen ist sie nicht. Doch dann befreit ein Unfall Marianne von ihrem Mann, dem Haustyrann: Er stürzt die Treppe hinunter und stirbt. Endlich ist Marianne allein, aber Erleichterung verspürt sie nicht, entgleitet ihr doch langsam, aber sicher all die Ordnung, auf der ihr Leben fußt. Sie verwechselt die Wochentage, die Zeit treibt Spielchen mit ihr, sie geht ohne Hut zum Einkaufen, schmiert Marmelade auf die Treppe und versucht, mit Zettelchen in sauberer Schrift gegen die Ohnmacht, gegen die bedrohlichen Löcher in ihrem Kopf anzukämpfen. Und ihre Kleine, inzwischen Mitte dreißig, muss sich der Beziehung zur fordernden und zugleich unfähigen Mutter stellen, gequält von der Frage: Ist ihr Vater gefallen oder hat Marianne ihn gestoßen?

„Das Kind, das ich gewesen war, war im Betrachten der Eltern gänzlich aufgesogen und aufgelöst. Ich hatte sie auswendig gelernt, sie und ihn, wie zwei Geschichten, die von einer unheimlichen und bösen Macht zu einer zusammengezwungen worden waren. Lange war ich den Verdacht nicht losgeworden, dass ich diese Macht war.“ Ich-Erzählerin Friederike setzt sich auseinander mit ihrer Kindheit, mit dem penetranten Ordnungsfimmel der Mutter und den gebrüllten Attacken des Vaters. Ihr gegenüber stellt die österreichische Autorin Gudrun Seidenauer die demenzkranke Marianne, die sich in den Anforderungen des Alltags verliert, die alles nur noch durch einen Nebel wahrnimmt und sich so wahnsinnig anstrengen muss, damit niemand etwas merkt. Geblieben ist ihr einzig die Erinnerung, hinschauen kann sie nur „dorthin, wo die Zeit klar bleibt und das, was geschehen ist, unverwischbar, wie in Bernstein“. Friederike ist geflohen aus ihrem Elternhaus, in dem es nur oberflächlich sauber war, hat Jakob geheiratet – ein Ruhepol von einem Mann – und sich abgenabelt. Doch Hermanns Tod wirbelt die Gefühle auf wie ein Sturm den Sand im Meer. Gudrun Seidenauer setzt einen dichten Deckel auf die Emotionen, die seit Jahren in Marianne und Friederike gären, lässt sie hochkochen und fängt gekonnt die funkelnden Scherben ein, als im entscheidenden Moment die erwartete Explosion erfolgt. Mit großem Einfühlungsvermögen und trittsicherem Sprachtalent widmet sie sich den Themen Demenz und Mutterliebe, dem Freiheitsdrang gegängelter Kinder und der vielleicht übertriebenen Macht, die wir unseren Erinnerungen zuschreiben. Aufgetrennte Tage ist ein klangvoller, zartsinniger, innerlicher Roman, voll Ehrlichkeit, Klarheit und geglückter Formulierungen. Dies ist ein Buch, in dem es keine falschen Töne gibt, stimmig reihen sich die Sätze aneinander wie Muscheln an einer Kette. Die Schriftstellerin, die in meiner Nähe im selben Dorf wie meine Mutter wohnt, findet mit Leichtigkeit hinein in ihre zwei unterschiedlichen Frauenfiguren, schafft herrliche Sprachbilder und erzählt eine lesenswerte, lebendige, gut konstruierte Geschichte, die an unser Inneres, an unser Menschsein rührt. Chapeau!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
für mich das bisher schönste Cover meiner 2011 gelesenen Bücher. Ein Bild, das Kraft und Gefühl ausstrahlt.
… fürs Hirn: die authentische Darstellung von Demenz; die scharfe Ironie, mit der einer so über die Maßen ordentlichen Frau das geregelte System zusammenbricht.
… fürs Herz: die tapfere Verzweiflung, mit der die beiden Frauen in diesem Buch sich an ihre jeweilige Ordnung klammern, die ihnen das Leben erträglich machen soll.
… fürs Gedächtnis: neben meiner allgemeinen Begeisterung für dieses Buch ist mir der spannende und originelle Einfall, dass Friederike eine Geliebte hat, am meisten im Gedächtnis haften geblieben.

Aufgetrennte Tage ist erschienen im Residenz Verlag (ISBN 9783701715145, 21,90 Euro).

0 Comments

  1. Da hast du wieder einmal ein bemerkenswertes Buch ans Tageslicht gezogen, liebe Mariki! Die Geschichte dreht sich nicht nur ums Thema Demenz, sondern stellt noch weitere wichtige Themen des Lebens in den Vordergrund. Vor allem die Beziehung von Mutter und Tochter ist immer wieder spannend zu lesen und findet hier eine ungewöhnliche Form. Es scheint aber auch eine sehr aufwühlende Lektüre zu sein, die sehr nah heranrückt…

    In jedem Fall danke ich für deine schöne Rezension, die es heute zum Vor-Frühstück gab. Das Cover finde ich wie du ebenfalls sehr gelungen, es zeigt so viel und bleibt dennoch zurückhaltend.

    Herzliche Grüße zum Wochenende,

    Klappentexterin

    Reply
  2. Mariki Author

    Danke für deine schönen Worte – du hast den Kern des Buchs ganz richtig erfasst (und das freut mich natürlich, dass es mir mit der Rezension gelungen ist, die Gefühlswelt des Romans zu vermitteln). Flattersatz hat das Buch sogar geordert. Zwar bin ich nicht darauf aus, Bücher zu verkaufen – aber es liegt mir natürlich am Herzen, wenn so gelungene Romane in möglichst viele Leserherzen finden!

    Reply
    1. Es war mir eine Freude und ist deiner Rezension nur würdig, liebe Mariki. Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass Flattersatz an dem Buch Gefallen finden wird und ich weiß, dass es dort in guten Händen ist. Hut ab, dass du dich von dem Buch trennen konntest.

      Liebe Morgengrüße,
      Klappentexterin

      Reply

Kommentar verfassen