Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Aimee Bender: Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen

Mit dem Herz der anderen auf der Zunge
Ein kleiner Bissen mit großer Wirkung: Kurz vor ihrem neunten Geburtstag kostet Rose ein Stück Zitronenkuchen, den ihre Mutter gebacken hat. Und fällt fast vom Stuhl wegen der geballten Sehnsucht, die sie darin schmeckt. Nicht viel besser ergeht es ihr beim Abendessen mit dem „abwärtskreiselnden, sich in Sehnsucht verzehrenden Hühnchen“. Rose gerät in Panik und weiß sich keinen Rat: „Mein Gehirn fühlte sich an wie ein volles Glas Wasser, das ich vorsichtig durch den Flur balancieren musste.“ Woher kommen all diese Gefühle im Essen? Warum kann Rose sie plötzlich schmecken? Und wie soll sie diese Begabung wieder loswerden? Ihre liebevolle, aber mit der Suche nach einer erfüllenden Tätigkeit beschäftigte Mutter ist Rose keine Hilfe, ebenso wenig wie der stets abwesend wirkende Vater oder ihr großer Bruder Joseph, ein Freak, der sich sämtlichen Formen menschlichen Miteinanders verweigert. Nur George, Josephs bester und einziger Freund, glaubt Rose, der „Essenshellseherin“, in ihn ist sie schon mit neun Jahren verliebt. Sie werden sich näher kommen, viele Jahre später, doch dem Schicksalsschlag, der dazu führt, zerbricht Roses Familie beinahe endgültig.

Aimee Benders Roman Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen liegt ein originelles Konzept zugrunde: Ein Mädchen kann Stimmungen, Gefühle, Herkunftsorte im Essen erschmecken – und muss lernen, mit dieser unerwünschten Gabe zu leben. Die simple Nahrungsaufnahme wird für Rose plötzlich zur Qual, sie fühlt die Wut der Tomatenpflücker, die Traurigkeit ihrer Mutter, das Leid der geschlachteten Schweine. Sie muss sich von seelenlosem Fastfood ernähren, von maschinell hergestellten Snacks, um nicht ständig Informationen zu erhalten, um die sie nicht gebeten hat. Eine schräge, kauzige Familie hat Aimee Bender entworfen, vier Menschen, die zufällig in einem Haus leben, einander aber nach Möglichkeit ausweichen. Ein Familienleben oder Gespräche finden kaum statt. „Am besten kann ich Dad so beschreiben: Er war ein Mann, der genau wusste, was er wollte, er war intelligent, im Grunde seines Herzens aber ganz einfach und hatte ausgerechnet drei hochkomplizierte Menschen als Familienmitglieder abbekommen: eine Frau, deren Einsamkeit zum Himmel schrie, einen Sohn, dessen Blick so durchdringend war, dass man ihm eine Cornflakesschachtel vor die Nase stellen musste, damit er von einem abließ, und eine Tochter, die nach einem normalen Schulmittagessen eine Viertelstunde spazierengehen musste, um sich davon zu erholen.“ Rose ist eine Ausnahmeerscheinung, sie gewinnt die Sympathie des Lesers, sie verleiht dem Buch ihre leicht verzweifelte, kindlich-resignierte Stimme, ihre Beobachtungen geben den Figuren Gestalt.

Merkwürdigerweise kommt Roses Talent im Buch nicht jene Gewichtung zu, die man erwarten würde. Vielmehr steht im Roman wie in Roses Leben ihr realitätsferner Bruder im Mittelpunkt, der vor allem durch verstörende Leblosigkeit glänzt – und ebenfalls eine geheimnisvolle Begabung zu haben scheint. Dies zu wissen, ist sicher gut, bevor man sich an die Lektüre macht, damit keine Enttäuschung aufkommen kann. Aber dass irgendetwas „normal“ ist in Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen – das sollte man sich ohnehin nicht erwarten. Dafür aber einen erfrischend anderen Blick auf die menschliche Existenz, die sich bei Aimee Bender nicht an die Naturgesetze halten muss. Die Autorin aus Los Angeles hat einen zauberhaften, melancholischen Roman geschrieben über ein seltsames Mädchen und seine seltsame Familie, der weltweit unter den Kritikern für Furore sorgt. Überraschend, surreal, fantasievoll ist dieses Buch, voll ausbalancierter Formulierungen, geistreicher Einfälle, erfüllt von einer bedrückend-herzergreifenden Atmosphäre – und einer ganz besonderen Traurigkeit.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein gelungenes Cover, sehr schön finde ich den Schatten des Kuchens.
… fürs Hirn: die Überlegung, dass es in Roses – unserer? – Welt kaum Köche, also Menschen, mit guten Gefühlen gibt, frei von Wut und Traurigkeit.
… fürs Herz: der Kuss!
… fürs Gedächtnis: Mein Lieblingszitat: „George zu küssen, war ein bisschen so, wie in flüssigem Karamell zu baden, nachdem man jahrelang mit Reisnudeln überlebt hat.“

Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3827009869, 19,90 Euro).

0 Comments

  1. Welch originelle Idee, eine Romanfigur zu erschaffen, die Gefühle und Geschichten aus Essen herausschmecken kann! Aber noch mehr Neugier als dieses ungewöhnliche Detail weckt die eigenartige Familiensituation: Ich mag verschrobene Charaktere, und davon scheint der Roman ja genügend vorweisen zu können!

    Reply

Kommentar verfassen