Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Anna Enquist: Kontrapunkt

Musik, oh wundersame Musik
„Musik war für die Frau, wie für ein ganz junges Kind, das perfekte Medium, um ihrer Innenwelt Ausdruck zu verleihen.“ Und in den Goldberg-Variationen von Bach findet die Frau, die sich zur Pianisten ausbilden ließ, eine Möglichkeit, die Finger zu beschäftigen, während sie ihre Gedanken der Tochter widmet, die auf tragische Weise ums Leben gekommen ist. Jede der Variationen ist eine Herauforderung am Klavier, ist mit einem Thema kombiniert und mit einer Erinnerung verbunden – an die Tochter als junges Mädchen, als Studentin, als erwachsene Frau. Die Mutter schreibt ihre Gefühle auf, wendet sich der Musik und zugleich der Sprache zu: „Die Worte waren ein Netz zum Einfangen der Tochter.“ „Die Frau war noch nicht wirklich das, was man eine alte Frau nennen würde, aber ein gutes Stück dem Ende entgegengekommen war sie schon.“ Und dass sie nun den Rest des Weges ohne ihre Tochter gehen muss, ist für die Frau unerträglich. Auch die Beschäftigung mit Bach und seiner goldenen Musik kann den Schmerz nicht lindern.

„Musik lehrt einen eigentümliche Dinge über die Zeit, dachte die Frau, als sie kurz mit den Händen im Schoß auf die nackten Noten starrte. Musik führte aus der Zeit heraus und schuf einen inneren Zustand, in dem von Zeit noch keine Rede war. Musik erfüllte so sehr, dass Uhren aufhörten zu ticken. Und doch gab kein anderes Medium das Verstreichen der Zeit so präzise an.“ Es ist Anna Enquists hochgelobter Roman Kontrapunkt, der mich – nicht zum ersten Mal in meinem Leben – wünschen lässt, ich hätte Ahnung von Musik. Eine Leidenschaft für Musik habe ich nie entwickelt, zu groß war seit jeher die alles verzehrende Liebe zur Literatur. Aber Anna Enquist, selbst Pianistin, verknüpft in diesem Buch Musik ganz eng mit Sprache. Für Musikliebhaber muss Kontrapunkt ein wahrer Lesegenuss sein, ich dagegen kann die beschriebenen Melodien nicht erklingen lassen, kann sie nicht hören, manche Passagen über die Musik sind mir so unzugänglich, als wären sie in einer Kunstsprache geschrieben: „Die Frau spielte die tragische Variation und fühlte sich in die verschiedenen Stimmen ein. Die Mittelstimme mit ihren klagenden Sekundenschritten. Den Bass, der dabei mitmachte. Die zerbröckelte, aufs Äußerste gedehnte Melodie, die zum Schluss bei vollem Bewusstsein in die Tiefe stürzte. Die scheußliche Dissonanz im letzten Takt vor der Wiederholung des zweiten Teils: ein fis und ein g, knallhart, gleichzeitig, dicht beisammen, um eine Lösung ringend.“ Wissen über Musik hätte sicher zu meinem Verständnis dieses Romans beigetragen, aber auch so kann ich die Schwingungen spüren, die Stimmungen erfühlen (und ich kann die Goldberg-Variationen über youtube kennenlernen). Und diese Stimmungen sind in erster Linie Trauer, Schmerz und Wut.

Der Verlust hat in die Frau hineingeschnitten wie ein blitzendes Skalpell, Fingerübungen, Noten, Klänge und das Schreiben sind der Verband, der die Blutung stoppen soll. Etwas merkwürdig finde ich, dass es stets nur „die Frau“ und „die Tochter“ heißt, das macht den Erzählton sehr distanziert und durchzieht ihn mit einer unangebrachten Kühle. Vermutlich aber soll dieser erzählerische Schachzug die Universalität der Geschichte verdeutlichen. Bestsellerautorin Anna Enquist hat mit Kontrapunkt ein würdevolles, gramerfülltes Klagelied vom Abschiednehmen verfasst und eine Melodie über das Muttersein komponiert.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sehr ruhiges, dunkles Cover mit einer Hand, die sich auf einem Klavier spiegelt. Eventuell hätte man die ebenfalls gespiegelte Steckdose wegretuschieren können.
… fürs Hirn: viel Wissenswertes über das Klavierspielen und Bach.
… fürs Herz: Schmerz. Nie sollte eine Mutter ihr Kind begraben müssen.
… fürs Gedächtnis: die Notenzeilen am Beginn der Kapitel.

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