Gut und sättigend: 3 Sterne

Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die Löffelstöre

Bis dass der Tod euch scheidet
Paul und Skarlet sind seit der Kindergartenzeit Freunde: Beiden hat es Tante Edeltraud nicht leicht gemacht, Skarlet wegen der ungewöhnlichen Schreibweise ihres Namens, Jean-Paul wegen der Un-DDR-Haftigkeit des seinen. Es gelingt ihnen das Kunststück, über all die Jahre nicht den Kontakt zueinander zu verlieren; sie erleben den Fall der Mauer, sie studieren in Leipzig, Paul heiratet und wird Vater. Nun ist Skarlet 40. Und Paul ist tot.

Alle sterben, auch die Löffelstöre erzählt die Geschichte einer engen Freundschaft, die der Tod beendet. Viel zu früh stirbt Paul – und Skarlet muss einen Weg finden, mit ihrer Trauer umzugehen. Sie lässt die Zeit mit Paul, dem Zauberer, dem verrückten, leichtfüßigen Lebemann, Revue passieren, erinnert sich, wie er sie im Kindergarten vor dem ekligen Glas Milch mit Haut rettete, an die gemeinsame Schulzeit, an Pauls Makel wegen seiner Makellosigkeit. Paul war stets fröhlich und liebte Geschichten: „Paul hatte bei einer Feier einmal behauptet, er könne Wodka in Wasser verwandeln. Er hatte die Gläser vollgegossen, Simsalabim. Sie hatten getrunken, und Paul hatte sich geschüttelt und gesagt: Versuch mißlungen!“ Wie soll Skarlet diesen Verlust verkraften? Sie findet keinen Halt, sie ist geschieden, ihre erwachsene Tochter ist im Ausland, der Job im Zoo macht ihr keinen Spaß, er ist einfach an ihr haften geblieben wie ein nasses Blatt. Sie sucht nach den richtigen Worten, um Paul und seine Freundschaft, die nie infrage gestellt wurde, in einer Grabrede zu ehren. Paul war ein stiller Revoluzzer, der stets wusste, was er wollte, und als er endlich das Glück fand, erkrankte er.

Kathrin Aehnlichs Buch über das Abschiednehmen ist nicht pathetisch, auch nicht übermäßig schwermütig – und doch ist von vornherein klar, dass es hier um Traurigkeit und Trauer gehen wird, dass ein jedes Lächeln nur eines unter Tränen sein kann. Darauf muss man sich als Leser bewusst einstellen. Bücher können ganz klar Stimmungen auslösen und steuern – Heiterkeit ist in Alle sterben, auch die Löffelstöre eher fehl am Platz. Zwar funkelt dieser Roman sprachlich nicht gerade, der Stil ist aber solide, gut lesbar, die Sätze klar und klangvoll. Insgesamt ein nachdenkliche, zärtliches Buch, das mit einem Schlusssatz überrascht, der zu den besten gehört, die ich je gelesen habe.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein metaphorisch bildliches Cover, bedeckter Himmel, ein Weg, der ins Nirgendwo führt.
… fürs Hirn: das Nacherleben von DDR und Mauerfall.
… fürs Herz: das Wissen, dass wahre Freundschaft so wertvoll ist wie Liebe.
… fürs Gedächtnis: der wunderbare Schlusssatz (nicht vorher lesen!).

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