Gut und sättigend: 3 Sterne

Hugo Hamilton: Legenden

„Ein Gesicht ist nichts Konkretes, sondern eine Geschichte, die sich in Gegenwart anderer Menschen entfaltet“
Hat Gregors Mutter ihr eigenes Kind im Krieg verloren und stattdessen ihn großgezogen? Ist er ein jüdisches Waisenkind? Das fragt sich der Musiker nun schon sein halbes Leben. Fremd hat er sich gefühlt in seinem Elternhaus, und die Geschichte, die ihm ein Onkel auftischte, kam ihm gerade recht, um sich von Vater und Mutter loszusagen. Die Frage ist nur, wer die Wahrheit spricht. Verzweifelt suchte Gregor jahrelang nach einem Beweis für seine jüdische Herkunft – und entfremdete sich durch seine Besessenheit von seiner großen Liebe Mara. Er verließ sie und den gemeinsamen Sohn Daniel, der inzwischen längst erwachsen ist, eine besondere Bindung blieb jedoch immer bestehen. Nun treffen sich Gregor, Mara, Daniel, dessen Freundin Juli und viele weitere Freunde zum Apfelpflücken auf einem Bauernhof. Es ist ein lauer Herbst, die Früchte duften – und auf den Tisch kommt neben der Ernte auch alles, was die vielen Jahre über ungesagt blieb.

In Legenden wechselt der irische Schriftsteller Hugo Hamilton zwischen Gegenwart und Vergangenheit, in Rückblenden berichtet er davon, was zwischen Gregor und den wichtigsten Menschen in seinem Leben vorgefallen ist. Gregor ist dabei, alt zu werden, doch es liegt keine Bitterkeit auf ihm oder Mara. Auch Gregors Mutter und sein Großvater Emil, selbst ein beliebter Musiker und außerdem Schwarzmarkthändler, bekommen eine eigene Perspektive. Da die beiden bereits im ersten Kapitel einen Auftritt haben, weiß der Leser mehr als Gregor selbst – er kann also nicht mit Gregor über dessen Herkunft rätseln, sondern kennt die Wahrheit schon. Das mag einerseits die Spannung zerstören, gibt dem Roman aber andererseits die Möglichkeit, sich auf andere Aspekte einer so lebensfüllenden Suche wie Gregors zu konzentrieren: auf das innere Ungleichgewicht, die Rastlosigkeit, die Unfähigkeit, loszulassen. Kein herausragendes, aber ein angenehmes Buch über einen Mann, seine allererste Erinnerung und ihre wahre Bedeutung.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
immerhin ist ein Apfel auf dem Cover, der Sommerfeeling vermittelt.
… fürs Hirn: der Zweite Weltkrieg als Hintergrundfarbe der Ereignisse.
… fürs Herz: wie Mara und Daniel an Gregor festhalten.
… fürs Gedächtnis: der Duft von Apfelbäumen.

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