Gut und sättigend: 3 Sterne

Kerstin Ekman: Tagebuch eines Mörders

„Die Sprache wird nicht schön, wenn der Schreiber ein schmutziges Leben führt“
„Zu guter Letzt wurde ich also Mörder. Doch das wurde ich auf die Art, auf welche sicherlich die meisten es werden. Mehr oder weniger unabsichtlich. Eine Handlung an der Grenze zum Nichtzustandekommen. Sie könnte ebenso gut gar nicht ausgelöst worden sein. Ich weiß nicht einmal, ob das, was geschah, wert ist, Mord genannt zu werden.“ Rachsüchtig ist der Mensch, neidisch, niederträchtig, um nicht zu sagen böse. Da verwundert es nicht, dass er stets nach Möglichkeiten trachtet, andere aus dem Weg zu räumen. Möglichkeiten, die keinen Verdacht erregen. Und wer wohl könnte einen perfekteren Mord begehen als ein Arzt? Wir schreiben das Jahr 1919 und der Stockholmer Arzt Pontus Revinge legt eine Lebensbeichte ab. Er hatte einst eine solch ersehnte Möglichkeit gefunden, einen Menschen unbemerkt zu töten – und sie dem Schriftsteller Hjalmar Söderberg verraten, der sich davon zu seinem Roman Tyko Glas inspirieren ließ. Wie nebenbei hat Pontus Revinge seine vermeintlich nicht nachweisbare Mordmethode aber auch selbst angewendet: „Ich schlug zu, wie man mit einem Besenstiele auf eine Ratte einschlägt, sobald sie ihre Nase hinter dem Mülleimer vorreckt.“ Durch den verübten Mord hat Pontus sich eine Praxis, eine Ehefrau und die Nähe zur süßen minderjährigen Frida erschlichen. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht. Und doch verfolgt ihn die Tat ein Leben lang …

Den schwedischen Autor Hjalmar Söderberg und seinen zu Lebzeiten des Schriftstellers skandalösen Roman Tyko Glas gibt es wirklich. Kerstin Ekman – ihres Zeichens preisgekrönte Autorin – hat darauf aufbauend eine Geschichte gewebt, die eine vermeintliche Inspirationsquelle für Hjalmar Söderberg erfindet: einen Arzt, der jemanden tötet, der ihm vertraut. Schockierend, heimtückisch, angsteinflößend: Ärzte haben es nur allzu oft in der Hand, ob ein Leben weitergeht – oder endet. Das ist der Stoff für Alpträume und gute Bücher. Denn Kerstin Ekman hat mit Pontus Revinge einen eingebildeten, antiquierten, herrischen Protagonisten kreiert, der bei aller vermeintlichen Gleichgültigkeit doch von Minderwertigkeitsgefühlen und fast schon pädophilen Neigungen gequält wird. Ich habe Kerstin Ekman vor vielen Jahren – mit den 1998 und 2001 wiederaufgelegten Romanen Stadt aus Licht und Geschehnisse am Wasser – als eine Schriftstellerin kennengelernt, die sich auf düstere Stimmungen und die Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen versteht. Das stellt sie auch in Tagebuch eines Mörders unter Beweis. Sprachlich hat sie sich angepasst an die Umstände und Ausdrucksweisen des beginnenden 20. Jahrhunderts, der Ton ist bewusst geziert und aufgesetzt gehalten. Dadurch, dass das Buch aus Tagebuchaufzeichnungen von Pontus besteht, ergibt sich logischerweise eine recht eindimensionale Sichtweise, was die Autorin jedoch durch lebhafte Schilderungen so weit entschärft, dass das Buch nicht langweilig wird. Einen erhobenen moralischen Zeigefinger muss man nicht befürchten, die Frage nach der Schuld von Pontus Revinge kann und soll nicht eindeutig beantwortet werden. Darüber nachdenken darf aber jeder. Gelungen!

Tagebuch eines Mörders ist erschienen bei Piper (ISBN 978-3492054270, 17,95 Euro).

0 Comments

  1. frolleinmueller

    Das Buch von Hjalmar Söderberg im Original Doktor Glas (wo zur Hölle kommt das Tyko her) ist ganz großartig. Vielleicht gebe ich Frau Ekman noch mal eine Chance, ich habe von ihr mal einen eher langweiligen Frauenroman gelesen.

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