Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Mariam Kühsel-Hussaini: Gott im Reiskorn

„Ja, unser Sieg ist das Staunen, das Schwärmen, das Leuchtenkönnen!“
„Ort des Geschehens ist ein inzwischen längst entlaufenes, verschwommenes Kabul, mythisch und von nur kurzweiliger Anmut, in der sich Überlieferung nebst Gegenwart einfindet, eh diese, vom Krieg zerschlagen, in ihren innersten Sinn letztlich nur noch nach dem Gedächtnis jenes bunten Momentes verlangen kann, dessen Farben mittlerweile unauffindbar und dessen Atem vielleicht schon vergeudet ist.“ Es ist die moralische Verpflichtung, die den Deutschen Jakob Benta Ende der Fünfzigerjahre in dieses magische Kabul bringt: Ein Freund ist hier gestorben, und er erweist ihm die letzte Ehre. Zunächst tut er sich schwer mit all dieser Fremdheit Afghanistans: „Mit Blicken, deren schwarze Brauen sich wie gotische Bögen zusammenschoben, mit einem so zerrissenen Herzen, dass dieser Mensch und Europäer unheilbar schien, solang dieser Aufenthalt nicht beendet war.“ Die Annäherung an die unbekannte Kultur erfolgt über den Aufenthalt im Hause Da’ud Hussainis, Meisterkalligraph und Freund des Königs. Er zeigt Jakob Benta die Kunst der Kalligraphie und die Bedeutsamkeit der persischen Dichtkunst. Doch das Gute ist nicht von Dauer: weder Jakob Bentas Verbleib in Kabul noch der Friede im Land. Für die Familie Hussaini beginnt mit der Machtübernahme der Kommunisten eine traurige und entbehrungsreiche Zeit.

Gott im Reiskorn ist eine Mischung aus Biografie und Fiktion: Mariam Kühsel-Hussaini, 1987 in Kabul geboren und in Deutschland aufgewachsen, erzählt darin die Geschichte ihrer Familie – angereichert mit echten Fotos einerseits und viel fantasievollem Fabulieren andererseits. Sie berichtet von der überragenden Begabung ihres Großvaters Da’ud Hussaini, von der Begeisterung ihres Vaters Rafat für die Dichtung: „Dieser eine große Dichter peinigte ihn auf solch herrliche Weise, dass er manchmal eines seiner Gedichte für Tage, ja Wochen von sich fernhalten musste, um es nicht wieder und immer wieder zu lesen und darüber zu zerfallen, denn ebendas taten sie mit ihm.“ Geschickt benutzt die junge Autorin die Figur des Deutschen Jakob Benta als europäischen Gegenpart zu Da’ud Hussaini, um die Kulturen aufeinanderprallen zu lassen. Als er recht unvermittelt verschwindet, bleibt der Fokus in Afghanistan, bei Da’uds Söhnen und Enkeln und bei den Unruhen im Land.

Bemerkenswert an Gott im Reiskorn ist die opulente, blumige Sprache, von ungesehener Eleganz, so dicht und bleibend wie ein schweres Parfum. Mariam Kühsel-Hussaini schreckt nicht vor dem großzügigen Gebrauch einer nahezu verpönten Wortkategorie zurück: dem Eigenschaftswort. Ihr Stil ist so reich an Adjektiven wie der Orient an Gewürzen: „Der König, ein magisch leichtsinniger und unternehmungsfreudiger Mann mit einer auffällig tiefen und attraktiven Stimme, fruchtig dunklem Teint, einer reizenden Hakennase und von ursprünglichem und üppigem Bedürfnis nach stets vorzeitiger Festlichkeit (…)“ Dies ist eine Sprache, in der man wie in einem duftenden Bad schweben, in der man ertrinken kann. Sie ist kunstvoll, elegisch, hochstilisiert: „Nach einem langen Winter schwoll bereits das Geäst der Gärten wieder knospig an und die trübe und stehende Eisluft erwachte in tauenden Lerchenhimmeln.“ So zu schreiben, ist ebenso altertümlich wie mutig – und macht Gott im Reiskorn zu einem Leserausch voller sinnlicher Eindrücke. Dieses Buch ist ein Porträt der empfindsamen afghanischen Künstlerseele, ein Roman, selbst angelegt wie ein einziges langes persisches Gedicht: schwülstig, voller Doppelsinn und purer Freude am Formulieren. Mariam Kühsel-Hussaini bedient sich ohne Zurückhaltung am Repertoire der deutschen Sprache, entlockt ihr Farben, Gerüche und Gefühle, zeichnet mit Worten wie ein Maler mit dicken, fröhlichen Strichen – das ist genau das Gegenteil von minimalistisch. Fremd und süß schmeckt dieser Roman, der unbedingt und in jeder Hinsicht einzigartig ist – innen wie außen, denn auch das wunderschöne Cover soll nicht unerwähnt bleiben.

Lieblingszitat: „Es gibt nun einmal dieses eine Erschütternde in uns, dieses tiefste Geschehen in uns, das mit keinem anderen Wort beschrieben sein will als mit Liebe, weil Liebe allein ebendas, was wir mit Liebe meinen, sprengend zu erläutern weiß und womöglich das einzige Wort auf der Erde, welches kein Wort, sondern eine Regung, eine Entscheidung, eine süße Verzweiflung ist.“

Gott in Reiskorn ist erschienen bei Berlin University Press (ISBN 978-3-940432-88-9, 22,90 Euro).

0 Comments

  1. Jetzt habe ich deinen Blog gerade heute erst entdeckt und dann kommt hier gleich so ein Buchtipp! Afghanistan als Schauplatz allein reicht schon, um mein Interesse zu wecken und auch was du über die Sprache schreibst, hört sich sehr gut an. Das Buch wandert sofort auf die Wunschliste.

    Danke für den Tipp!
    Stefanie

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  2. Mariki Author

    Das freut mich natürlich! Ich hab selbst auch einen Tipp für das Buch bekommen. Eine einmalige Entdeckung, sehr eigenwillig. Vielleicht magst du mir einen Kommentar schreiben, wenn du es gelesen hast, bin neugierig, wie es dir gefällt!

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