Gut und sättigend: 3 Sterne

Tim Parks: Dreams of rivers and seas

Vom Verlust des Vaters und der Balance
Als Johns Vater, der Anthropologe Albert James, stirbt, gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht: Er fliegt von London nach Delhi, wo seine Eltern zuletzt gelebt haben, und findet eine äußerst distanzierte Mutter vor. Die Beziehung zwischen John und Helen ist geprägt von Missverständnissen, sie finden keinen Weg, miteinander zu kommunizieren. In der lauten, schmutzigen, fremden Stadt sucht John nach Spuren seines Vaters – und findet nichts. Die publizierten Theorien von Albert über Verhaltensweisen und Kommunikation sind ihm ein Rätsel. Als Biologe kommt er mit seiner Forschung nicht vom Fleck, zudem geht ihm, dem ewigen Studenten, das Geld aus. Und seine Freundin, die Schauspielerin Elaine, weicht ihm aus. Helen dagegen sieht sich mit dem Amerikaner Paul konfrontiert, der eine Biografie über Albert schreiben will und der trotz Helens Ablehnung beharrlich bleibt. Aber dann scheint es, als bräuchte Helen eigentlich doch jemanden zum Reden … Und als ein Sandsturm über Delhi aufzieht, kommt es zum Showdown zwischen allen Beteiligten: John, Helen, Paul und der geheimnisvollen Jasmeet.

Tim Parks ist ein ausgezeichneter Schriftsteller. Mit Cleaver hat er mich in seinen Bann gezogen, Dreams of rivers and seas habe ich geschenkt bekommen. Zwar finde ich darin nicht die Cleverness und Schärfe von Cleaver, denn Dreams of rivers and seas ist nicht so böse und brillant, dafür aber von einer leichten erzählerischen Eleganz. Tim Parks hat ein gutes Gespür für den Aufbau einer spannenden Geschichte und konstruiert die Handlung mit sicherer Feder. Sein Protagonist John ist, man kann es nicht anders sagen, ein Idiot, ein Biologe ohne Geld und ohne Aussicht auf Festanstellung, ein recht hilfloser junger Mann, der die Zügel für sein eigenes Leben am liebsten aus der Hand gibt. Seine Mutter Helen ist willensstark und klug, selbstsicher und verschlossen: Sie verschweigt ihrem Sohn ein schwerwiegendes Geheimnis, vertraut es nur dem Journalisten Paul an. In Dreams of rivers and seas präsentiert Tim Parks interessante Theorien über die Menschheit und die Fäden, an denen wir alle hängen, indem er sie dem Anthropologen Albert James in den Mund legt. Zudem gibt er einen schillernden Einblick in das Land Indien, das er in seiner Armut, Schmutzigkeit und Faszination porträtiert.

7

0 Comments

  1. thessa

    Ich habe dieses Buch als Vorbereitung auf unsere Indienreise gelesen und hatte nachher den Eindruck einen Film gesehen zu haben, so detailliert und photographisch waren die Beschreibungen.

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  2. Jarg

    Ein ganz wunderbares, tief berührendes Buch. Ich habe es auch gerne gelesen und war wie berauscht von den Bildern, die Parks im Kopf entstehen lässt

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