Gut und sättigend: 3 Sterne

Angelika Reitzer: Unter uns

Subtile Gesellschaftskritik
An der jungen Clarissa ist eigentlich alles ganz normal: Ihre Kindheit war nicht sehr glücklich, aber auch nicht auffällig traumatisch, sie hat einige Freunde, hat sich selbst einigermaßen gefunden und ist momentan auf Arbeitssuche. Nichts Ungewöhnliches also. Nur ist normal nicht unbedingt gleichbedeutend mit gut: Clarissa treibt orientierungslos und ohne Halt durch ihr Leben, an dem es objektiv gesehen nicht viel auszusetzen gibt. Clarissa findet daran im Gegenzug aber auch nicht viel, was der Mühe wert wäre: Nachdem sie an ihrem letzten Arbeitsplatz gemobbt wurde, ist sie sprichwörtlich ganz unten angekommen – sie wohnt bei Freunden im Keller. Sie ist antriebslos und pleite, ihre Eltern haben sich bewusst aus dem Familienkreis entzogen. Zwar ist Clarissa durchaus von vielen Menschen umgeben – aber die schauen in erster Linie nur auf sich selbst.

In Unter uns zeichnet die österreichische Autorin Angelika Reitzer ein düsteres Bild unserer Gesellschaft: Die Zusammekünfte von Clarissas Freunden Kevin, Susanna, Florian, Vera, Marie und Gerd sind geprägt von Positionsgehabe und Geltungsdrang. Clarissa selbst ist aus dem Rhythmus von Geldverdienen, Karrieremachen und Kinderkriegen hinausgefallen und findet sich plötzlich im feuchten Keller wie in einer metaphorischen Unterschicht wieder. Über ihr und ohne sie findet das Familienleben von Tobias und Klara mit den Kindern Kyra und Selma statt. Deren lärmendes Treiben führt Clarissa ihre eigene Einsamkeit stets aufs Neue vor Augen. Von ihrer eigenen Familie ist keine Hilfe zu erwarten, die Eltern investierten ihre Zeit und Aufmerksamkeit schon früher nur in ihr Gasthaus und feierten dann ihren Abschied von der Familie, Clarissas Schwester ist aus ihrem Leben verschwunden. Clarissa ist eine schwer greifbare Person, sie wirkt verträumt und rätselhaft.

Das Wort, das diesen Roman in meinen Augen am besten charakterisiert, ist mäandern. Die Handlung fließt wie ein Fluss mit vielen Nebenarmen über die Seiten, versickert mancherorts und kommt woanders wieder zusammen. Stellenweise bin ich etwas überfordert mit der Vielfalt der Namen, den Träumen und dem steten Wechsel der Perspektive, die Atmosphäre im Buch hat aber etwas faszinierend Unheilvolles, sodass ich es kaum weglegen mag. In einem sehr nüchternen, schnörkellosen Stil entlarvt Angelika Reitzer in Unter uns die Scheinheiligkeit der Menschen Mitte dreißig und stellt sie in ein abschätziges Licht. Ein jeder versucht, ein bisschen was vom Glück zu erhaschen – und wer dabei nicht so erfolgreich ist, wird schnell bemitleidet. Ein wirkliches Miteinander gibt es nicht. Angelika Reitzer zeigt sich dabei als Meisterin des Ungesagten: Das tatsächlich Wichtige, wie Clarissas Kindheit oder das schmähliche Benehmen ihres Chefs, wird nur angeschnitten, die Konsequenzen muss man selbst erkennen. Dieser Roman hat zudem etwas undefinierbar Österreichisches, was mir natürlich sehr zusagt. Trotz einiger Schwachpunkte wie verwirrende Einschübe und manchmal anstrengende Detailverliebtheit ist Unter uns ein eindringliches, lesenswertes Buch mit einem unerwarteten Ende. Sehr bedrückend und voll von der Poesie des Alltags.

Unter uns ist erschienen im Residenz Verlag (ISBN 978-3701715497, 21,90 Euro).

0 Comments

  1. agnieszka reber

    »unter uns« gehört zu den besten Neuerscheinungen der letzten Jahre. […]
    Großartig ist die sprachliche Präzision, ist der bald fließende, bald insistierende Rhythmus des Ganzen. Großartig sind jene Kapitel, in denen Clarissa in der ersten Person zu Wort kommt. An ihr zeigt Reitzer, wovor ihre anderen Figuren sich fürchten – dass die »Demonstration von Zukunft« eines Tages nicht mehr gelingt und wie das ist, wenn man das eigene Leben nur noch mitmacht, Schwäche mit Intensität verwechselt. […]
    »unter uns« ist nicht deprimierender, als gute Literatur sein muss, nicht tröstlicher, als gute Literatur sein darf.
    FALTER, Daniela Strigl

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