Netter Versuch: 2 Sterne

Izzet Celasin: Schwarzer Himmel, schwarzes Meer

Die Türkei in Aufruhr
Am 1. Mai 1977 gerät der 18-jährige Eiche mitten hinein in die Unruhen: „Schlägereien und Schusswechsel zwischen Faschisten, revolutionären Studenten und der Polizei waren an der Tagesordnung.“ Eine junge Frau namens Zuhal rettet Eiche aus der Gefahr, und als sich ihre Wege später erneut kreuzen, kommt Eiche mit dem revolutionären Gedankengut in Kontakt. Er lebt sehr behütet, er geht in ein Internat und plant, seine Freundin Ayfer zu heiraten. Doch durch die Berührung mit der Politik und die Anziehungskraft, die Zuhal auf ihn ausübt, nimmt sein Leben eine Wende: Eiche und Ayfer trennen sich, er beginnt ein Literaturstudium. Aber während Zuhal ernst macht, in den Untergrund geht, sich den Terroristen anschließt und Menschen tötet, kann Eiche sich nicht dazu überwinden, die Theorie vom freien Leben in die Praxis umzusetzen, er glaubt nicht an die Gewalt. Und so kann es für ihn und Zuhal niemals einen gemeinsamen Weg geben.

Zwei Beweggründe hatte ich, mir dieses Buch zu kaufen: Zum einen hatte ich eine sehr positive Rezension gelesen, zum anderen wusste bzw. weiß ich sehr wenig über die Türkei in den 1970er- und 1980er-Jahren und dachte, das könnte interessant werden. Das war es prinzipiell auch, allerdings sollte man wohl dennoch in Grundzügen über den geschichtlichen Hintergrund der Ereignisse Bescheid wissen, um sie zu verstehen. Schwarzer Himmel, schwarzes Meer ist ein sehr unstrukturiertes Buch, der Autor folgt seinem Protagonisten Eiche und dem Ziel seiner Sehnsüchte, der Aktivistin Zuhal, mal mehr, mal weniger nah, er lässt die Jahre vergehen, die Handlung verläuft enttäuschenderweise irgendwie im Sand. Da es – obwohl sie das Zweierpaar dieses Romans sind – nur wenige Überschneidungen zwischen Eiche und Zuhal gibt und ihr Erleben parallel geschildert wird, wartet man als Leser ständig auf einen großen Knall, ein Aufeinanderprallen, eine Lösung. Ab Seite 160 kommt auch Zuhal plötzlich selbst zu Wort, zuvor hat sie keine eigene Perspektive – dieser unerwartete Wechsel hat mich sehr irritiert. Ich hätte mir mehr Berührungspunkte zwischen den beiden Helden gewünscht, man kann in ihrem Fall ja nicht einmal von Sehnsucht oder gar Liebe sprechen.

Izzet Celasin war ins einer Jugend selbst politisch aktiv und hat einige Zeit im Gefängnis verbracht. In diesem Roman beschreibt er die Nöte und Pläne der türkischen Jugend von dazumals, die auf der Suche war nach der ultimativ gültigen Weltansicht. Während Eiche seltsam unentschlossen bleibt und nie richtig Stellung bezieht, wirkt Zuhal wie eine gar zu hochstilisierte Symbolfigur ohne eigene Persönlichkeit, die klischeehafte Terroristin, die nicht davor zurückschreckt, für ihre Ziele zu töten oder selbst in den Tod zu gehen. Alles in allem ein Buch über eine aufregende Epoche in der Geschichte der Türkei, dessen Handlung jedoch wegen vieler zäher Schwachstellen zu wünschen übrig lässt. Ein wenig versöhnlich stimmt mich der passende, wenn auch pathetische Schluss.

Kommentar verfassen