Gut und sättigend: 3 Sterne

Angelika Overath: Alle Farben des Schnees

Wenn die Fremde zur Heimat wird
Es gefällt ihnen schon seit Jahren sehr gut in Sent im Unterengadin: Angelika, ihr Mann und die Kinder machen dort regelmäßig Skiurlaub. Doch dann taucht plötzlich die Idee auf, die Zelte in Deutschland abzubrechen und in das kleine Dorf zu übersiedeln. Gemeinsam mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn zieht Angelika nach Sent, die beiden älteren Kinder bleiben im Heimatland und studieren dort. Wie nun sich einrichten in den Bergen, wie einen Platz finden unter den Einheimischen, die ein festes Gefüge sind, nicht zuletzt wegen der fremden rätoromanischen Sprache? Davon berichtet die Schriftstellerin in einer Art Tagebuch über die Zeitspanne von einem Jahr. Sie sucht nach einer Möglichkeit, heimisch zu werden an einem Ort, den sie bereits kennt – aber nur als Besucherin. Und es ist schön, ihr dabei zuzusehen, wie es ihr immer mehr gelingt, einen Zugang zu finden zu dem Land und zu den Leuten.

„Das Romanische ist ein unsichtbares Sprachschild des Dorfes. Eine hauchfeine Grenze gegen die Touristen, aber auch gegen die Zuwanderer. Es ist wie im Märchen. Du mußt das Wort kennen, wenn du den Felsen öffnen willst.“ Während ihr Sohn und ihr Mann sich die Sprache recht schnell aneignen, setzt Angelika Overath sich ganz bewusst damit auseinander, macht sich Gedanken um Wortbedeutungen und beginnt, Gedichte auf Rätoromanisch zu schreiben. Die Sprache macht diesen Teil der Schweiz, das Unterengadin, zu etwas Besonderem, und die Einheimischen sind sich dessen bewusst. Das Romanische zeichnet Sent genauso aus wie der Schnee, der zu allen Jahreszeiten und in verschiedenen Formen eine Rolle spielt, der das Landschaftsbild dominiert und die Touristen anlockt. Angelika Overath ist eine Außenstehende, die aber freundlich aufgenommen wird. Es scheint, als rückten die Dorfbewohner ein wenig zusammen, um Platz zu machen für die neue Familie.

Bücher wie Alle Farben des Schnees sind ausgesprochen selten auf meiner Leseliste zu finden, denn bei autobiografischen Berichten langweile ich mich schnell. Doch Angelika Overath gelingt es, mich mit feinsinnigen Beobachtungen für eine mir völlig unbekannte Region zu begeistern: „Mit dem Hund gehen. Nasse Wiesen. Ein Rot beginnt aufzusteigen. Submarine Höhe. Wir laufen wie auf einem Riff, Wicken, als wogten sie unter Wasser, Fluten der Gräser. Über dem Tal ziehen Nebelschwaden die Bergrücken entlang. Die Gipfel sind weiß.“ Der persönliche Bezug, der mein Interesse weckt, ist auch schnell gefunden: Ich bin selbst in einem Bergdorf aufgewachsen, in dem die Tage ohne Schnee gezählt sind, und auch wenn mein Dialekt nicht mit dem Rätoromanischen vergleichbar ist, so kenne ich doch diese Auseinanderdividierung in jene, die ihn beherrschen, und jene, die fremd sind. Zudem macht es mir beim Lesen Spaß, ein wenig über das Romanische zu rätseln und zu versuchen, es auf Basis meiner Italienischkenntnisse zu knacken. Was natürlich überhaupt nicht gelingt.

Angelika Overath hat sich geöffnet für dieses Buch und zeigt, dass es durchaus möglich ist, den Ferienort zur Heimat zu machen. Alle Farben des Schnees ist so ruhig wie gleichmäßiger Atem, ein ungewöhnliches, seltsam positives Buch, das Einblick gibt in Geschichte und Kultur einer abgeschiedenen Gegend, in der die Menschen Brauchtum aufrechterhalten und ihre Besonderheit kultivieren. Sehr lesenswert!

Alle Farben des Schnees ist erschienen im Luchterhand Verlag (ISBN 978-3-630-87340-4, 18,99 Euro).

11 Comments

  1. „… Auseinanderdividierung in jene, die ihn beherrschen, und jene, die fremd sind“ > kenne ich auch aus eigener erfahrung. erst mit 12 nach deutschland gekommen und kein wort deutsch gesprochen. und dann noch auf dem dorf, wo man ohnehin bis in die xte generation als „zugereister“ gilt … hart. aber was einen nicht umbringt etc. pp. :)

    klingt nach einem echten „überraschungsbuch“. glückwunsch zur entdeckung.

    LG, monika

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  2. Mariki Author

    Wow, das war aber eine Herausforderung! Und jetzt liest und rezensierst du am laufenden Band – Respekt! Mir gings in abgeschwächter Form so ähnlich, ich bin mit 7 Jahren ins Bergdorf gezogen und verstand den Dialekt kaum … ich bin dort auch immer noch eine „Zuagroaste“!
    Das Buch ist wirklich ungewöhnlich und interessant.

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  3. Du hattest wohl einen schlechten Januar, wenn ein 3 Sterne Buch für dich das Buch des Monats ist 😉 Ich empfehle dir unbedingt Giorgio Vasta! Was für ein Buch! Es ist ein Monat her, dass ich es gelesen habe, aber ich denke noch jeden Tag daran und frage mich wie es dem Glasfresser geht. Eines meiner Lieblingsbücher.

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