Gut und sättigend: 3 Sterne

Katharina Döbler: Die Stille nach dem Gesang

Eine Frau im Schatten eines toten Mannes
„Natürlich führte sie, Alexandra, nicht das Leben, das sie hatte führen wollen, sie führte ihr Leben gar nicht.“ Im Jahr 2001 lebt Alexandra mit ihren Kindern Wanda und Rafi in einer Berliner Wohnung und sieht den Tagen beim Vergehen zu. Sie war einst eine mäßig erfolgreiche Sängerin, liiert mit dem Popstar aus gutem Hause Falk Margraf, der sich mit der Band „Eckstein“ einen Namen gemacht hatte. „Eckstein war eine relativ erfolgreiche deutsche Popgruppe gewesen, deren Lieder wie Träume geklungen hatten.“ Ein Mann von Welt, dieser Falk, der sein Umfeld für sich einnimnmt: „Falk dagegen nahm alles ohne zu fragen, niemand machte ihm etwas streitig, und wenn er auf einem engen Bürgersteig ging, wichen andere ihm aus.“ Sehr zum Missfallen seiner Schwester Isolde kümmert Falk sich finanziell um Alex, doch noch bevor Wanda geboren wird, stirbt Falk im Jahr 1993. Und Alexandra kämpft – gegen die Trauer und um Falks Erbe.

Mit Die Stille nach dem Gesang hat Katharina Döbler einen Roman geschrieben, der seinem Titel gerecht wird: Ruhig ist er und er berichtet von der Zeit nach den eigentlichen Ereignissen, als alles bereits vorbei ist. Niemand singt mehr. Die Handlung springt zwischen 1993 und 2001 hin und her, und obwohl Alexandra mehr zu Wort kommt, steht Falk im Mittelpunkt, auch nach seinem Tod. Dies ist ein Buch über Verlust, über den Lauf der Zeit und jene, die zurückbleiben. Ob die Beziehung zwischen Alexandra und Falk eine große Liebe war, sei dahingestellt, aber zumindest hat er ihr viel bedeutet: „Sie hatte sich doch nur treiben lassen, bis sie bei Falk gelandet war. Da war Land gewesen, bei ihm, zum ersten Mal in ihrem Leben.“

In einem sehr unaufgeregten Stil erzählt Katharina Döbler von einer Frau, die auf der Stelle tritt, die sich nicht lösen kann und will von der Vergangenheit. Sprachlich ist Die Stille nach dem Gesang ausgezeichnet, inhaltlich ist es ein wenig lau, weil ein Höhepunkt fehlt, weil die Erzählung sich nicht mit dem Hauptthema direkt – Falks Tod – auseinandersetzt, sondern mit den Stunden davor und den Jahren danach. Ich mag jedoch die beschreibungsverliebte Sprache, die melancholische Stimmung und das Herumschleichen in diesem Roman, der Berlin und Madrid zum Leben erweckt und nebenbei eine alteingesessene Familie skizziert, von deren Glanz nichts mehr übrig ist, die sich aber immer noch viel darauf einbildet. Alles in allem ein ernstes, nachdenkliches, stimmiges Buch.

Die Stille nach dem Gesang ist erschienen im Galiani Verlag (ISBN 978-3869710211, 18,95 Euro).

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