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Richard Morgiève: Wunder und Legenden aus meinem Land im Krieg

Über den Krieg, Nutten und Satzzeichen
Pierre ist so etwas wie ein Ersatzkind. Auf der Flucht vor dem Krieg finden ihn 1940 der Zuhälter Saint-Jean und seine Huren Roseline, Josette und Fortuna in einem Koffer und tauschen ihn aus gegen das absichtlich gezeugte Baby von Fortuna, mit dem sie Geld erpressen wollten, das aber unglücklicherweise gestorben ist. Fortuna ist blind und hasst die Welt, sie alle haben es nicht einfach, und Pierre gerät in diesen zusammengewürfelten Haufen aus Menschen, der ihm so etwas wird wie eine Familie. „Saint-Jean denkt dass es ganz einfach und scheußlich ist dass es kein Glück ist als Mensch geboren zu werden besser doch gleich als Stein.“ Sie erreichen ein winziges Dorf, in dem Saint-Jean das tut, was er kann: ein Puff eröffnen. Wie man ein Kind erzieht, weiß weder er noch eine der Huren, doch Pierre saugt auf, was er wissen muss, lässt sich von seinem gaunerischen Ziehvater inspirieren und lernt außerdem noch viele schräge Gestalten kennen wie den verrückten Pickpock. Und er lernt zu überleben.

Wunder und Legenden aus meinem Land im Krieg birgt eine Überraschung für mich: Dieses Buch zeigt mir, wie wichtig (mir) Satzzeichen sind. Und dass sie durchaus ihre Berechtigung haben. Experimentell mag es sein, was Richard Morgiève da macht, kreativ und originell, und während ich auf den ersten Seiten noch gewillt bin, mich darauf einzulassen, merke ich schnell, dass es wahnsinnig schwierig ist. „Du machst eine Tür auf und hörst dein Herz klopfen den Fußboden knacken du gehst ans Fenster die Welt ist traurig die Welt ist komisch die Welt ist keine Kugel die Welt ist platt oder die Welt ist hoch oder es ist Nacht oder es regnet.“ So sind die Sätze in diesem Roman: ebenso philosophisch und schön wie wirr und lang. Sie legen sich wie Stricke um meinen Hals, meine Augen verlieren sich in dieser unendlichen See aus Wörtern, die frei über das Papier schweben dürfen.

Inhaltlich gleicht Wunder und Legenden aus meinem Land im Krieg dem Stil des Autors, ausufernd ist die Handlung manchmal, sehr unklar und mysteriös sind die Metaphern und die Spitznamen für die verschiedenen Charaktere. Ich halte beim Lesen fest an dieser Idee, den kleinen Pierre erzählen zu lassen aus seinem ungewöhnlichen Leben, aber es ist ungemein ermüdend. Ab und zu herrscht hier völliges Chaos zwischen zwei Buchdeckeln, und es ist der Klappentext, der mich rettet, indem er mir preisgibt, was eigentlich passiert. Stellenweise habe ich das Gefühl, als sei Pierre längst erwachsen und ein Gauner geworden, doch am Ende stellt sich heraus, dass er nicht älter sein kann als vier. Dieses Buch ist ein Wahnwitz, eine Herausforderung, ein Wagnis der besonderen Art – wer sich darauf einlässt, kann mit einigen wunderbaren Satzperlen belohnt werden, braucht aber viel Ausdauer.

Wunder und Legenden aus meinem Land im Krieg ist erschienen bei Claassen (ISBN 978-3-546-00433-6, 22,90 Euro).

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