Gut und sättigend: 3 Sterne

Brigitte Kronauer: Zwei schwarze Jäger

Ein bunter Reigen an skurrilen Geschichten
Rita Palka ist Schriftstellerin. In der Provinz soll sie ihre Erzählung „Zwei schwarze Jäger“ vorlesen – doch interessierte Zuhörer gibt es keine, und so erfindet Rita spontan eine Geschichte. Damit beginnt ein wahrer Zyklus an kurzen Episoden, jedes Kapitel steht für sich. Das „Personal der Schriftstellerin Rita Palka“ tritt auf, einer nach dem anderen erscheint auf der Bildfläche: Eine Dame im Rollstuhl, die eine düstere Erotik ins Spiel bringt, ein Lektor, der für einen Kellner entflammt, und eine junge Frau, die durch herbe Enttäuschungen Mordgelüste entwickelt, sind nur drei der vielen Figuren, die an den schriftstellerischen Fäden von Brigitte Kronauer tanzen. Was sie alle verbindet, ist die spürbare Leere in ihrem Leben, die sie mit Glück hätten füllen sollen – doch darin, ihre Ziele zu erreichen, sind sie aus unterschiedlichen Gründen gescheitert.

Zwei schwarze Jäger ist ein Episodenroman, ein locker gestricktes Konstrukt aus kurzen Geschichten, die sich im dritten Teil des Buchs langsam annähern und Zusammenhänge erkennen lassen. Wie durch ein Kaleidoskop wirft Brigitte Kronauer das Scheinwerferlicht auf die einzelnen Charaktere, die aus verschiedenen Gesellschaftsschichten stammen, jung sind oder alt, männlich oder weiblich. Diese Autorin hat eine scharfe Beobachtungsgabe, und sie bildet mit einer pointierten Sprache ab, was die Wirklichkeit zeigt: dass das Leben ein hartes ist, dass man sich schneiden kann an seinen Kanten. Dies ist eine Satire, ein Abdruck der Gesellschaft, ein Einblick in das Wohnzimmer des alltäglichen Leids. Ob in der Provinz oder in der Großstadt: Unglücklich sind die Menschen überall. Mit einer schmunzelnden Boshaftigkeit wirft Brigitte Kronauer ihre Figuren eine nach der anderen gegen die Wand. Dass dabei eine von ihnen zum Mörder wird, wirkt schon beinahe selbstverständlich.

Brigitte Kronauer spielt mit der Sprache wie eine Geigenvirtuosin, sie begutachtet Ausdrucksformen von allen Seiten, dreht und wendet sie, schüttelt die Sprache, damit sie hergibt, was sie geben kann. Hier schreibt eine Autorin um des Schreibens willen. Lange Sätze, elegante Formulierungen und verblüffende Metaphern dominieren ihren Stil. „Roch es hier womöglich nach zerquetschten Maikäferchen?“ heißt es beispielsweise oder „Meine Taten stehen wie unabhängige Wesen, wie gepackte Koffer neben mir, die ich bloß noch zu einer bestimmten Adresse tragen muss.“ Dieses Buch zu lesen, ist, wie einem Künstler beim Jonglieren zuzusehen. Wie schafft er das nur, fragt man sich, und wird es nie nachmachen können. Zwei schwarze Jäger ist ein verwirrender Roman, dem man manchmal mehr mit dem Gespür folgen muss als mit dem Verstand, und der die Geduld des Lesers das eine oder andere Mal arg strapaziert. Man sollte also genügend davon mitbringen.

Zwei schwarze Jäger ist erschienen im Klett-Cotta Verlag (ISBN 978-3-608-93885-2, 21,90 Euro).

2 Comments

  1. thessa

    Ich war gerade im ersten Moment etwas erschrocken, weil ich dachte unsere Religionslehrerin mit dem Ikebanafimmel ist doch wohl nicht unter die Autoren gegangen… aber es hat sich alles zum Guten aufgelöst. Hrhr.

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