Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Nicola Keegan: Swimming

„The wonders of the world are many, but none so much as man“
Pip ist ein Problemkind. Als Baby schläft sie niemals durch – bis ihre verzweifelten Eltern sie zum Babyschwimmen bringen. Das Wasser sorgt dafür, dass Pip ausgeglichener und ruhiger wird. Und es bleibt ihre gesamte Kindheit und Jugend über das einzige Element, in dem sie sich zu Hause fühlt. Schwimmen ist alles, was Pip will. Während die Familie an zwei schweren Schicksalsschlägen zerbricht, taucht Pip jeden Tag ab. Und das harte Training macht sich bemerkbar: Bald werden Trainer und die Medien auf die talentierte Schwimmerin aufmerksam. Pip bekommt ein Stipendium und erschwimmt sich den langen und anstrengenden Weg zu den Olympischen Spielen. Was das im Alltag für sie bedeutet – kontrollierte Ernährung, absolute Disziplin, kaum Freizeit – und wie Pip schließlich an jenen Punkt kommt, an dem sich ihre Zukunft entscheidet, davon erzählt Nicola Keegan in Swimming.

Für mich war Swimming eine Art Verzweiflungskauf. Mein SuB ging zur Neige, ich stand in der Buchhandlung und fand nichts Interessantes – und der Klappentext hörte sich ganz gut an. Als ich anfing zu lesen, war ich verblüfft über die wunderbare Selbstironie, die Nicola Keegan ihrer Ich-Erzählerin Pip in den Mund legt. „I have seven chins varying in size and volume“, heißt es beispielsweise am Beginn über Pip als Baby, „I am an asshole and I know it“, sagt sie später. Mich fasziniert, wie die Autorin es schafft, die Sportart Schwimmen zum Anker für ein Mädchen zu machen, das in seinem eigenen Leben zu ertrinken droht. Der Tod bleibt der Familie nicht fern, Pips Mutter – die insgesamt vier Töchter zur Welt gebracht hat – ist als Autoritäts- und Vertrauensperson völlig unbrauchbar. Im Prinzip ist Pip auf sich allein gestellt, denn beim Sport herrschen Druck und Konkurrenzdenken, Freundschaft gibt es nicht. Nur im Wasser ist Pip frei. Aber bald wird diese Freiheit überschattet vom Leistungsdruck. Das beschreibt Nicola Keegan sehr eindrucksvoll und glaubhaft. Die Informationen über Schwimmen als Profisport sind gut recherchiert und geben der Geschichte die nötige Substanz. Worum genau geht es in Swimming? Es ist ein Buch über Verlust und Trauer, über die Unfähigkeit, zu kommunizieren, über Leistungssport, Weltrekorde und den eisernen Willen, dem Körper etwas abzuverlangen, das er eigentlich kaum schaffen kann. Ich finde das Thema sehr originell und bin von diesem Roman richtig gefesselt. Pip ist ehrgeizig, einsam und überraschend ehrlich. Das Schwimmen ist ihr Lebensinhalt – und genau das ist zugleich eine große Gefahr. Etwas anstrengend ist der Umgang der Familienmitglieder untereinander, weil die Dialoge in absurde Diskussionen ausarten. Ansonsten aber ist Swimming ein spannendes und lesenswertes Buch, das mit wunderbarem Sarkasmus und Liebe zum Detail begeistert. Pip als Protagonistin ist dabei nicht immer liebenswert. Und deshalb umso authentischer.

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