Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Anne B. Radge: Der Arsenturm

Unzufriedenheit als Familienerbe
Das ist ungewöhnlich: Einer stirbt und alle freuen sich. Als Thereses Großmutter Malie das Zeitliche segnet, sind ihre Kinder Ruby und Ib überglücklich. Nur Therese ist traurig, denn sie hat als Einzige schöne Erinnerungen an die exzentrische Frau, die einmal Schauspielerin war, gern trank und schillernde Geschichten erzählte. Einst war Malie das Kind des Dorfwirts, mit 15 schloss sie sich einem fahrenden Theater an. In ihrer Zeit auf der Bühne ließ sie nichts anbrennen – und wurde ungewollt schwanger. Ihren Frust über die aufgegebene Karriere ließ sie den Rest ihres Lebens an ihrem friedliebenden Mann Mogens, einem Blaumaler in der Porzellanmanufaktur, und Tochter Ruby aus, die in ihrer Kindheit viele Schläge und wenig Liebe bekam. Als Ruby selbst ein Kind – Therese – erwartet, gibt sie das Familienerbe der Unzufriedenheit weiter. Erst Therese kann es vielleicht gelingen, diesen Kreis aus Unglück zu durchbrechen – mit ihrem Sohn Stian.

Der Arsenturm erzählt die Geschichte einer Familie aus Norwegen, deren Schmerz in der Vergangenheit wurzelt. Die Ursache für die vielen kleinen Dramen legt Anne B. Radge Schicht um Schicht frei: Jedes Kapitel führt den Leser weiter zurück zu dem, was zuvor geschehen ist. Ausgehend von Therese, der momentan letzten Tochter dieser Familie, verfolgen wir die Generationen bis zu Thereses Großmutter Malie, die eine selbstsüchtige und seelisch verwundete Frau war. Sie liebte die Schauspielerei, denn „wer eine Rolle spielte, durfte dabei Eigenschaften zeigen, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden waren“. Für das Scheitern ihrer Karriere machte sie ihre Tochter Ruby verantwortlich, die ihrerseits das erfahrene Leid weitergab. So entstand ein Teufelskreis aus Ablehnung und Gefühllosigkeit, der auch die Männer in der Familie mit sich riss. Anne B. Radge findet erstaunlich harte Worte für diese Geschichte. Sie zeigt, was für eine Katastrophe eine Schwangerschaft für eine ledige Frau früher war, wie sie sich mit sinnlosen Essigwaschungen und gefährlichen Abtreibungen quälten, und wie es sich auf die Kinder auswirkte, ungewollt und zum falschen Zeitpunkt geboren zu werden. Alle in dieser Familie haben sich einmal etwas erhofft – und niemand hat es bekommen. Der Arsenturm ist ein tragisches, aber unpathetisches und deshalb umso glaubwürdigeres Buch. Stilistisch befindet es sich auf keinem überragenden, aber doch einem annehmbar hohen Niveau. Der Inhalt ist nicht schön. Und hat mich gerade deshalb überzeugt. Sehr gut!

3 Comments

  1. Und wieder ein Buch, dass auf meiner Wunschliste steht. Und auch bereits im Regal :-) Dank Deiner Besprechung werde ich es höchstwahrscheinlich früher lesen als beabsichtigt… Danke!
    Und verlinkt bist Du bei mir auch! Ich freue mich, weiterhin bei Dir schöne Empfehlungen zu finden.
    Herzliche Grüße
    Bibliophilin

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