Netter Versuch: 2 Sterne

Dragan Velikic: Das russische Fenster

Wenn einer sich selbst beim Leben nur zusieht
Eigentlich ist Rudi ja Schauspieler. Denn: „Nur als Schauspieler konnte er jedermann sein, folglich auch er selbst.“ Allerdings sieht das außer Rudi niemand so. Deshalb studiert er, nachdem er mehrmals durch die Aufnahmeprüfung an der Schauspielakademie gefallen ist, Germanistik. Rudi ist überzeugt von sich – und gleichzeitig unsicher. Das kommt bei den Frauen nicht unbedingt gut an, weshalb Rudi zwar wechselnde, aber nur oberflächliche und kurze Beziehungen hat. Seine Heimatstadt Belgrad ist ihm zu eng, den Wehrdienst will er nicht leisten, er macht sich auf nach Budapest, wo er in einem Café jobbt. Er lernt viele Mädchen kennen, mit denen er sich vergnügt, die Namen tanzen nur so durch sein Leben. Konstanten gibt es bei Rudi nicht. Er entwickelt sich zum Schriftsteller und kommt nach Deutschland, er irrt ziellos umher, in seinem eigenen Leben scheint er nur Statist zu sein.

Dragan Velikic hat bereits acht Romane geschrieben, die in viele Sprachen übersetzt und mit Preisen bedacht wurden. In Das russische Fenster erzählt er von einem, der überzeugt ist von Fähigkeiten, die er gar nicht besitzt, der sich selbst sucht und gleichzeitig dafür sorgt, dass er niemals ankommen wird. Rudi füllt sein Leben nicht aus, er ist weder besonders interessant noch besonders langweilig. Eigentlich ist nichts an ihm der Rede wert. Und genau das ist mein Problem mit diesem Roman: Er bietet mir keine neue Erkenntnis, keine Reibungsfläche, schon der Einstieg ist völlig spannungsfrei. Es dauert über 80 Seiten, bis Rudi überhaupt ins Bild gerät, davor darf ein Nebencharakter schwafeln, der keinerlei Bedeutung für das Buch hat. Menschen, Orte und Namen  flirren vorüber. Ganz zum Schluss kommen Vater, Mutter, Freunde, Frauen irritierenderweise in Fragmenten zu Wort. Die Gespräche im Buch sind um Größe bemüht und bleiben gerade deshalb belanglos. Auch der Stil hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Im Gegenteil: Zum einen wird die Handlung extrem sprunghaft und nicht chronologisch erzählt, zum anderen sind die Sätze elendig lang und die Formulierungen trotz vermeintlicher philosophischer Ansätze trocken:

„Als er Jahre später in Gedanken jene Zeit durchging, die er in Budapest verbracht hatte, war er stets aufs Neue überrascht vom Mechanismus des Gedächtnisses, das nach einem Rudi unverständlichen Verfahren auch jene Tage, die öde und farblos waren, bewahrt hatte, indem es sie mit banalen Details kodierte, dem Geschmack von Maronen oder von Schokolade aus der Konditorei Dabos in Szentendre oder mit der Gestalt eines Alten, der neben Rudi in der Metro saß und ein Buch über Schmetterlinge las, wobei es ihm nicht gelang, seinen Schluckauf zu bändigen, oder mit dem blitzenden Blick der Kassiererin in der Apotheke am Blaha-Lujza-Platz oder mit den Augen einer anmutigen Alten im Wartezimmer des Zahnarztes in der Villányi-Straße.“
Wie die Kritiken zeigen, finden viele Leser das genial. Ich finde es einfach nur: Uff.

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