Für Gourmets: 5 Sterne

Edward Carey: Alva & Irva

In jeder Hinsicht eine Überraschung
Edward Carey hat schon zwei Romane veröffentlicht und ist dennoch unbekannt. Einer davon, nämlich Alva & Irva, wurde auf Deutsch im kleinen, feinen Münchner Verlag liebeskind publiziert und geriet in meine Finger. Zum Glück! Denn die fantasievolle, skurrile und berührende Geschichte hat mich begeistert. Alva und Irva sind Zwillinge, die einander gleichen innen und außen. Sie sind so eng miteinander verbunden, dass sie sich nicht trennen können, nicht einmal für einen Augenblick, und dass sie keinen Zugang finden zu den anderen Menschen. Als sie heranwachsen, stellt sich allerdings heraus, dass das Bedürfnis, am Geschehen in der Außenwelt teilzunehmen, ungleich zwischen den Zwillingsschwestern verteilt ist: Die extrovertierte Alva hat alles abbekommen, die introvertierte Irva nichts. Als sie beginnen, die Stadt Entralla, in der sie leben, aus Plastilin nachzubauen, ist das von Vorteil: Alva erkundet die Stadt, Irva bildet sie zu Hause ab. „Alvairvalla ist eine Stadt aus Plastilin und daher sehr geduldig.“ Doch um sich von Irva zu unterscheiden, greift Alva zu radikalen Methoden. Und die Risse zwischen den beiden gehen einher mit noch viel größeren Rissen in der Stadt …

Als Leser wandert man durch dieses Buch wie ein Tourist durch eine Stadt. Zu jedem Kapitelanfang gibt es eine Einführung mit Foto zu einem Gebäude von Entralla, Hinweise auf Öffnungszeiten und Rabatte vervollständigen den Eindruck eines Reiseführers. Dann folgt die Erzählung aus Alvas Sicht. Das ist originell und bringt mir den Spaß am Lesen zurück, den ich allzu oft verliere. Die Sprache von Edward Carey ist hinreißend, gefühlvoll, ausufernd und meisterhaft. Er beschreibt zwei Mädchen, die verrückt und schrullig sind, einsam und doch nie allein. Sie scheren sich nicht um Konventionen, sondern nur um sich selbst. Sie werfen einen staunenden und befremdlichen Blick auf andere. „Unser Vater, Waisenjunge Linas, gehörte zu den Menschen, die wissen, was Leiden bedeutet. Der Schrei eines gestürzten Kindes, ein alter Mann, der um jeden Atemzug kämpft, die Courage, die eine fette Frau täglich aufbringen muss, um sich zu setzen: Die Traurigkeit all dieser Dinge raubte ihm den Schlaf.“ Die Zwillinge können nicht in Interaktion treten mit der Welt, sie formen sie und bilden sie nach aus Plastilin. „Man weiß, daß man die Sprache des Plasitilins fließend beherrscht, wenn man sich zu fragen beginnt: Rieche ich nach Plastilin oder riecht das Plastilin nach mir?“

Alva & Irva ist ein ungewöhnliches, ein böses, witziges, unterhaltsames und völlig absurdes Buch. Es ragt heraus aus der Masse und wird mir in Erinnerung bleiben. Wenn es sich irgendwo auftreiben lässt – unbedingt zugreifen!

4 Comments

    1. Mariki Author

      Wie verrückt! Als ich das Buch gelesen habe, musste ich an dich denken und wollte es dir schon fast empfehlen. Hab mich dann aber aufgrund bestimmter Ereignisse nicht getraut … ;o) Ich muss dich gleich vorwarnen, dass das Ende ein wenig lahm ist. Bin mal gespannt, wie du es findest … und diss mich nicht, wenn es dir nicht gefällt!

      Reply
      1. Hab schon die Hälfte gelesen und bis jetzt gefällt es mir sehr. Manche Sätze sind zum niederknien: „Kurz darauf zog Miss Scott in unseren Bezirk, eröffnete ihre eigene Schneiderei und steckte ihren Sohn in einen Laufstall hinter der Ladentheke, bis er nach einer Weile erwachsen wurde und sich von ihr entfremdete“. Grandios!

        Reply

Kommentar verfassen