Gut und sättigend: 3 Sterne

Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag

Leise sein, hinschauen, nachdenken
Es ist ein ungewöhnlicher Job, den der Ich-Erzähler in Wilhelm Genazinos Ein Regenschirm für diesen Tag ausübt: Er testet Herrenschuhe, spaziert mit ihnen durch die Stadt und schreibt dann Gutachten über seine Eindrücke. Deshalb muss er viel spazierengehen, deshalb kann er den ganzen Tag Leute beobachten: eine Frau im Supermarkt, ein Kind im Auto, ein Liebespaar. Und er macht sich so seine Gedanken über diese Menschen, über sich selbst, über das Leben, von dem er nicht weiß, ob er ihm seine „nachträgliche Genehmigung“ erteilen würde. Er leidet an „Verschwindsucht“ und ist immer ganz bei sich, obwohl er sich so viel im Außen bewegt, agiert er kaum mit anderen bzw. nur dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Er trifft verschiedene Frauen auf seinen Spaziergängen, die er kennt und mit denen er manchmal reden muss, aber sein Herz hängt noch an Lisa, die ihn verlassen hat. Er steht außerhalb des Trotts, der sich der meisten Menschen bemächtigt hat, aber ganz entziehen kann er sich der Anforderung, Geld verdienen zu müssen zum Überleben, und der Sehnsucht, mit einer Frau zusammen zu sein, nicht.

„Literatur muss besser gemacht sein als das Leben“, soll John Irving einmal gesagt haben. Davon hält Wilhelm Genazino nichts. Es ist das Leben, das er abbildet – und zwar so, wie es ist: manchmal spannend, meistens monoton. Ein Regenschirm für diesen Tag ist gleichzeitig ungewöhnlich und unspektakulär. Dieser Roman gewinnt nicht mit seiner Handlung, sondern vielmehr mit dem Blick durch ein subjektives Fernrohr, das auf die Welt gerichtet ist. Dieses Buch zeigt, wie es ist, wenn man nicht hetzen muss, wie es ist, wenn man nichts braucht und nichts sucht und einfach mit sich selbst durch eine Stadt spaziert, die Augen weit offen, das Hirn auch, wenn einem Gedanken kommen, die klug sind, und solche, die absurd sind. Dabei steht der Roman für mich immer ganz nah am Abgrund zum Belanglosen: „Ich lege meine Jacke ab und schneide mir eine Scheibe Brot ab“, heißt es beispielsweise, „Das Brot schmeckt mir sehr gut. Ich nehme die Brille ab und reibe mir mit der Hand die Augen.“ Aber die treffenden Beobachtungen retten die Erzählung immer wieder vor dem Absturz. Besonders die Sexszene finde ich sehr amüsant. Was den Erlebnisfaktor betrifft: Während andere Bücher wie Disneyland sind, ist dieser hier der Stadtpark. Und es ist manchmal ganz schön, in den Stadtpark zu gehen und einfach seine Ruhe zu haben.

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