Gut und sättigend: 3 Sterne

Hanif Kureishi: Something to tell you

Angenehm zu lesen, aber kein Highlight
Hanif Kureishi wurde mit Der Buddha der Vorstadt in unseren Breiten bekannt. In Something to tell you porträtiert er den Psychiater Jamal, der pakistanische Wurzeln hat und in London lebt. Der Vater hat sich früh nach Pakistan abgesetzt, die Mutter war mit Jamal und seiner Schwester Miriam überfordert. Miriam hat das spezielle Talent, sich ständig in Schwierigkeiten zu bringen. Sie wohnt in einer gefährlichen Gegend mit mehreren Kindern von verschiedenen Männern und raucht gern mal einen Joint. Als Miriam und Jamals bester Freund Henry, ein Theaterstück-schreiber, sich ineinander verlieben, ist Jamal überrascht und vielleicht auch ein wenig eifersüchtig – klappt es doch mit ihm und der Liebe nicht so recht. Das liegt daran, dass er immer noch an Ajita denkt, ein indisches Mädchen und seine erste große Liebe. Seit vielen Jahren schleppt Jamal ein Geheimnis mit sich herum. Aber wie im Leben sieht man sich auch in der Literatur immer zwei Mal …

Something to tell you ist ein „netter Schmöker“ über einen Londoner Psychologen, der in seiner Arbeit und in seinem Privatleben mit den Neurosen der anderen Menschen konfrontiert ist – und mit seinen eigenen. Dabei geht es natürlich in erster Linie um die klassischen Auslöser für vermeintlich ungewöhnliches Verhalten: die Beziehung zu den Eltern, Liebe und Sex, sehr viel Sex. Das Buch liest sich flüssig , wartet mit schlagfertigen Dialogen und einigermaßen interessanten Charakteren auf, ist aber insgesamt gesehen kein Highlight, weder sprachlich noch inhaltlich. Am Stil gibt es wenig auszusetzen, es fehlt zwar an der Finesse, das Niveau ist aber in Ordnung, Entgleisungen oder abgelutschte Formulierungen gibt es keine, zumindest nicht in der englischen Originalversion. Hanif Kureishi weiß, wie man eine Geschichte konstruiert, und er füllt diese Konstruktion mit den entsprechenden Elementen und Figuren. Und so wirkt der Roman auch auf mich: konstruiert. Da fließt nichts von selbst, die Handlung reißt mich nicht mit, sie bleibt eher platt und ziemlich 08/15. Es ist von Anfang an klar, dass Jamal und Ajita einander wiedersehen werden und dass Jamals Geheimnis ans Tageslicht kommen wird – die Spannung bleibt in der Hinsicht auch insofern auf der Strecke, als dass der Leser dieses Geheimnis bereits recht früh erzählt bekommt. 520 Seiten hätte es dazu auch nicht unbedingt gebraucht. So bleibt Something to tell you eine angenehm lesbare, aber unspektakuläre Studie über einen Psychiater in einer Großstadt, der sich mit auf den ersten Blick ungewöhnlichen, bei genauerem Hinsehen aber ganz normalen Dingen beschäftigt: mit dem Verlassenwerden, der Suche nach den eigenen Wurzeln und nach dem Glück. Leser mit einem geringeren Suchtpotenzial als meinem können dieser Geschichte vermutlich mehr abgewinnen, ich habe aber wieder einmal das Gefühl, das alles schon zu kennen, und ein gutes Buch ist für mich immer eins, das mich überrascht. Das ist hier nicht der Fall.

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