Gut und sättigend: 3 Sterne

Rainer Braune: Die Krokodilfärberei

Grandiose Sprache, weniger grandioser Inhalt
Stilistisch ist Die Krokodilfärberei ein wahres Fest, ein Augenschmaus: Fantasievolle Beschreibungen und herrlich verquere Metaphern machen diesen Roman zu etwas Besonderem. Ihr Hals roch nach Birnenobst, ihre Stirn nach Fieber“, heißt es beispielsweise, „ihre Augenlider nach Löwenzahn, ihre Schulterblätter nach Wind …“ Die verzauberte und verzaubernde Sprache von Rainer Braune ist vermutlich der Grund für die hymnischen Kritiken, „Es muss ihr gut gehen, der deutschen Literatur, wenn sie noch Bücher wie dieses hervorbringt“, schrieb etwa Die Zeit. Ich schwelge in dieser ausladenden Sprache, sie ist wie eine Zeichnung, die man erstaunt betrachtet.

Nur leider ist die Sprache nicht alles, was ein gutes Buch ausmacht – auch der Inhalt muss fesseln und interessieren. In Die Krokodilfärberei hinkt die Geschichte ihrer Form jedoch hinterher. Worum es überhaupt geht? Zeichner Gilles fährt in das abgelegene Haus des alten Cembalisten Quitzow, das Tulpische Wildnis heißt und auch so aussieht. Er soll dort zwei Zimmer renovieren, damit Quitzow einziehen kann. In der Tulpischen Wildnis trifft Gilles die 17-jährige Adolphine, die ihm gefällt, ihre Schwester, die nur die Wusterwitz genannt wird, deren Tochter, die kleine Capaldi, und den niederträchtigen Geiger Möbius. All diese sperrigen Gestalten sind eigenwillig und (bis auf Möbius) auf ihre Weise liebenswert. Gilles denkt schon nach seiner Ankunft nicht mehr daran, die Tulpische Wildnis zu verlassen, hier fühlt er sich wohl. Doch auch diese Idylle ist nicht vor Gewalt und Bosheit gefeit, die sich in diesem Fall gegen Adolphine richtet. Gemeinsam mit Gilles verübt sie Rache.

Thematisch ist an dieser Geschichte wenig neu: Einer klinkt sich aus seinem Alltag aus, fährt an einen anderen Ort, wo es ihm gefällt, er verliebt sich neu und bleibt dann einfach dort, er schert sich nicht mehr um sein altes Leben. So etwas habe ich schon oft gelesen, zuletzt etwa in Der Geschmack von Apfelkernen. Zwar kann ich solchen Geschichten durchaus etwas abgewinnen, sie erscheinen mir aber oft sehr starr, angepasst an ein Schema, das nicht durchbrochen wird. Das gilt auch zum Großteil für Die Krokodilfärberei, die Erzählung plätschert wie ein Bach vor sich hin, mit Ausnahme eines Bruchs in der Mitte, ein kleiner Wasserfall sozusagen. Originell ist die Handlung rund um Bösewicht Möbius und Adolphines Racheakt, damit rechnet man als Leser nicht. Erfrischend sind die Charaktere, besonders die kleine Capaldi gibt dem Buch viel Lebendigkeit. Ansonsten gibt der Roman für mich inhaltlich aber nicht viel her. Er erscheint mir vielmehr wie ein einziger verworrener Traum, der in einer genialen Sprache erzählt wird, aber dennoch fern der Realität und seltsam unbegreiflich bleibt. Das Buch ist in der Gegenwart angesiedelt, wirkt aber durch den ausufernden Erzählstil, die altertümlichen Namen und die oft skurrilen Dialoge wie aus einer anderen, vergangenen Zeit. Als modern-märchenhaftes Werk lässt sich Die Krokodilfärberei wohl am ehesten beschreiben. Das ist nicht im Geringsten schlecht, aber am Ende ergeht es mir, als erinnerte ich mich an nächtliches, verstörendes Traumgeschehen: Ein paar Bildfetzen sind noch da, aber bald werde ich sie vergessen haben. Fazit: Sprachlich wunderbar, inhaltlich weniger.

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