Gut und sättigend: 3 Sterne

Josef Winkler: Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot

WinklerLiteratur aus Österreich
Der Georg-Büchner-Preisträger Josef Winkler stammt aus einem Dorf in Kärnten, das aus nicht viel mehr als ein paar Misthaufen besteht. Er ist ein Bauernkind, und von seiner Kindheit handelt dieser dünne Erzählband ebenso wie von seiner Leidenschaft für das Kino, von seinen Reisen nach Indien und von  den Büchern, die er liest. Immer wieder funken dabei Todesfälle dazwischen, Kinder, die überfahren werden, Menschen, die sich umbringen. Dieses Buch hat keinen Anfang und kein Ende, es kennt keinen roten Faden oder eine Handlung, vielmehr besteht es aus herausgerissenen Erlebnissen und Gedanken von Josef Winkler. Er zitiert andere Schriftsteller, die ihn auf seinen Reisen begleiten, Terezia Mora ist dabei, Annemarie Schwarzenbach, Joseph Conrad, Alfred Döblin.

Fantasievoll sind die Metaphern, die Bilder, die Josef Winkler findet, sie wirken auf mich oft wie Insider, die nur er selbst verstehen kann. Das ist es, was diese Literatur ausmacht: Sie will sich nur ausdrücken, ohne sich verständlich machen zu müssen. „Die Lufthoheit der Totenkissenschlacht“ und „Der Tod ist ein Schiff, und ich bin sein Wrack“ heißen seine Kapitel, oder „Knochenstillleben auf dem Asphalt mit Ovomaltine“. Das ist schräg und verwirrend, hat aber seinen ganz eigenen – und in diesen Erzählungen recht morbiden – Reiz. Über allem schwebt der Herrgott, verbunden mit der streng katholischen Erziehung. „Jeden Tag einmal hat Mutter gesagt, daß ich den Herrgott nicht bei den Füßen herunterziehen und ihm auch nicht die Fersen abschneiden soll. Und jeden Tag einmal habe ich zur Mutter gesagt, daß ich mir eine Wimper ausreißen und ihr meine Wimper ins Herz stechen werde.“

Dieser schmale Surhkamp-Band gibt Einblick in das Innenleben eines österreichischen Schriftstellers. Man liest, was ihn beschäftigt – seien es Unfalltod und Selbstmord, seien es Kinofilme oder Bücher – und gewinnt dabei auch Wissen über die österreichische Seele. Ein Roman von Josef Winkler würde mir unter Umständen besser gefallen, da ich ja immer sehr auf eine sinnvolle und zusammenhängende Handlung aus bin. Dennoch hat Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot mich interessiert und fasziniert.

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