Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Tim Parks: Cleaver

ParksScharfzüngig, sarkastisch und bitter
Cleaver ist Mitte fünfzig, erfolgreicher Journalist und Vater von vier Kindern. Kurz nachdem er, der für die BBC in London arbeitet, den amerikanischen Präsidenten interviewt und somit den Höhepunkt seiner Karriere erlebt hat, bricht er auf in die Einsamkeit: in ein abgelegenes Dorf in Südtirol, das auf den Winter wartet – ohne Gepäck und ohne Begleitung. Hier kennt ihn niemand und das ist gut, denn: „a man who is going to live on a mountain hut has no use for a reputation“. Was er dort sucht, ist Cleaver selbst nicht ganz klar: Er muss sich mit dem Buch auseinandersetzen, das sein ältester Sohn geschrieben und das ihn bis ins Mark verletzt hat.

In drei Schichten erzählt Tim Parks meisterhaft die Geschichte des fettleibigen Schwerenöters Cleaver, der sich selbst in die Isolation zwingt: da ist zum einen der Journalist und sein Ruhm, in dessen Schatten die Kinder stehen, dann gibt es zum anderen das Buch des Sohnes, das zynisch und fies den Vater zerfleischt, und schließlich sind da die Einwohner des Südtiroler Dorfs, die Cleaver nicht verstehen kann und die ihn doch so neugierig machen. Dieser Teil war besonders interessant für mich, weil auch ich ein Bergkind bin – und weil Parks im englischen Original viel Deutsch einbaut.

Cleaver ist ein richtig kluges, gut durchdachtes und überraschend amüsantes Buch. Mit beißender Schärfe und originellen Kommentaren erzählt Tim Parks von einem, der nur an sich selbst denkt, der seine Frau betrügt und seine Kinder verletzt, und der dann – konfrontiert mit dem, was er getan hat – aus der Bahn fällt. Wie Cleaver im Schnee, ohne Handy und mit zu wenig Lebensmittel gegen den eigenen Hochmut kämpft, ist richtig lesenswert.

One Comment

  1. lechristoph

    Von Tim Parks kenne ich nur „Eine Saison mit Verona“. Eines der besten und klügsten Fußballbücher, die je geschrieben wurden (neben „Fever Pitch“ und Ronald Rengs „Der Traumhüter“ natürlich).

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